bekam. Die Schuld wurde dem Spiegel gegeben, und als Revanche richteteman einen gegen die Wangs.
Der Sekretär des Straßenkomitees goutierte die Sache nicht und schalt dieWangs wegen des Aberglaubens. Die Schwiegermutter ließ den Spiegel wie-der entfernen. Am selben Tag verletzte sich ihr zweiter Sohn bei der Arbeit amBein. War es vielleicht der Spiegel, der noch gegenüber hing?" 91
Auf dem Land war man ohnehin kaum von der Pflege der alten Abwehrme-chanismen abzubringen gewesen. 1949 hatte die neue Volksregierung einenErlass herausgegeben, welcher Anweisungen gab, wie von nun an die Neu-jahrsholzschnitte beschafften sein sollten. Statt der gewohnten Türgötter soll-ten Rotarmisten die Türen der Gehöfte schmücken. Die Bauern hielten sichaber nicht daran. Während der Kulturrevolution wurde der Druck auf dieLandbevölkerung verschärft, sich statt der alten Motive Klassenkämpfer ausden damals gültigen Modellopern aufzuhängen. Aber kaum jemand kauftediese Bilder, von denen die Bauern sagten:„ Wenn man das aufhängt, mussman ein Jahr weinen." 92
Auf dem Land, wo heute noch immer ca. drei Viertel der chinesischen Bevöl-kerung wohnen, schützt der Hausvater sein Gehöft wiederum vorne mit denaufgeklebten Bildern der Türgötter und den Hintereingang mit einem Bild desDämonenbanners Zhongkui, von dem bereits im Abschnitt 1 berichtet wordenist. Über die Vorbilder dieser Papiergötter erzählt man sich wie bei fast allenchinesischen Gottheiten die verschiedensten Geschichten. Von den bekannte-ren sagt eine Version, die Torgötter seien früher das Brüderpaar Shen Tu undYulei gewesen, welche im Wald unter einem Pfirsichbaum ihr Haus errichtethaben. Pfirsichholz hat in China von alters her eine Dämonen abwehrendeWirkung. Diese hätten mit ihren Tigern der dankbaren Bevölkerung die Dämo-nen gefangen und an ihre Tiger verfüttert. Später hätten die beiden Unsterb-lichkeit erlangt.
Die 2. Version betrifft die Begebenheit aus der Tang- Dynastie, welche unter 1schon erwähnt worden ist. Der Tang- Kaiser, dessen Minister im Traum denunbotmäßigen Drachenkönig hingerichtet hatte, wurde in der Folge von ihmbzw. von anderen Dämonen nächtlings geplagt und gab daher an zwei seinertüchtigen Generäle die Order, in seinem Schlafgemach Wache zu halten. Alssie infolge von Schlafmangel dahinsiechten, kam er in einem frühen Konzeptvon Beamteneinsparung auf die Idee, sie durch ihre Bilder zu ersetzen. Diesehatten dann die gleiche Wirkung. Die Bevölkerung nahm zur Kenntnis, wasbeim Kaiser funktionierte und begann später ebenfalls damit, sich dieseGeneräle zum Schutz vor bösen Geistern an die Hoftüre zu hängen.Dass in der Geisterfurcht der Chinesen im allgemeinen und des chinesischenKaiserhauses im besonderen ein beträchtlich großer wahrer Kern steckt, kannaus Augenzeugenberichten des österreichischen Jesuiten Wolfgang Andreas
60