Herdgott und Habergeiß-Der Versuch einer
Annäherung
Vergleiche sind faszinierend aber auchproblematisch
Franz Grieshofer
Der Vergleich besitzt in der Volkskunde einen wichtigen methodischen Stellenwert.Bereits der Begründer des Faches Volkskunde, Wilhelm Heinrich Riehl, formulierte 1858in seinem Referat über" Die Volkskunde als Wissenschaft":" Die Volkskunde ist ihrer Naturnach vergleichend, aus der vergleichenden Beobachtung entwickelt sie ihre Gesetze." AuchMichael Haberlandt, der Gründer des österreichischen Museums für Volkskunde, schreibt1895 zum Beginn der" Zeitschrift für österreichische Volkskunde", daß die vergleichendeErforschung und Darstellung des Volkstums der Bewohner Österreichs Ziel und Aufgabedes Museums sei. Er meinte kulturellen Erscheinungen der verschiedenen Sprachnationen.Darüber hinaus kamen durch gezielte Aufsammlungen aber auch sehr früh Bestände ausAlbanien, aus Frankreich, aus Nordspanien, aus Italien, aus Skandinavien und aus demangrenzenden Süddeutschland hinzu. Man kann sagen, daß das Österreichische Museum fürVolkskunde seit seinem Beginn eine vergleichende europäische Ethnologie verfolgte.
Mit der Ausstellung" Herdgott und Habergeiẞ" wird dieser Vergleichsrahmen erstmalsgesprengt. Die Volkskunde will damit keinesfalls ihr Forschungsgebiet in den Bereich derVölkerkunde ausweiten. Sie ergreift aber gerne die Gelegenheit, im Rahmen einer ge-meinsamen Ausstellung einen Ausschnitt aus den Sammlungen der Österreichisch- Chi-nesischen Gesellschaft bzw. des Ludwig Boltzmann- Instituts für China- und Südostasien-forschung in seinen Räumen zu zeigen. Im Mittelpunkt stehen dabei die großformatigenBilder aus dem nordchinesischen Dorf Wangxiacun, die erst in jüngster Zeit von Frauendieses Dorfes angefertigt wurden. In Stil und Malweise sind sie typische Vertreter der naivenMalerei. Was die Bilder der Frauen aus Wangxiacun aus der Masse der üblichen naivenMalerei hervorhebt, ist ihr dokumentarischer Wert. Die flächendeckend bemalten Blätterzeigen nämlich sämtliche Feste im Laufe eines Jahres, sie veranschaulichen die einzelnenSiuationen im Leben, sie behandeln die Arbeit, das Markttreiben und führen die vielfältigenSpiele und Freizeitbelustigungen vor Augen. Sie bilden eine gemalte Dorfchronik Chinas.Um den realen Gehalt dieser Bilder zu unterstreichen, werden in der Ausstellung auch dieentsprechenden originalen Objekte gezeigt.
Bei einer näheren Betrachtung dieser Bilder stößt man unwillkürlich auf verblüffendeParallelen zu unserer Kultur. Das trifft sowohl auf die einzelnen Bräuche zu wie auch aufErscheinungen des Alltags. Es war daher naheliegend, dem chinesischen Material solchesaus dem österreichischen Museum für Volkskunde gegenüberzustellen. Diese Vorgangs-weise hat etwas überaus Faszinierendes an sich, es darf und soll jedoch keinesfalls übersehen
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