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Herdgott und Habergeiss : Leben und Brauch in China und Österreich ; ein Vergleich in Bildern und Sachen ; Begleitveröffentlichung zur Sonderausstellung Wien
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Neujahrsbilder für das

größte Fest Chinas

Else Unterrieder- Kaminski

Auch im heutigen China ist das Neujahrsfest das größte aller Feste. Allerdings nenntman es jetzt, etwas irreführend, meist Frühlingsfest. Im Westen ist es als ChinesischesMondneujahr bekannt, womit schon zum Ausdruck gebracht wird, daß es in unseremKalender keinen festen Platz hat, sondern sich nach den Mondphasen richtet, ähnlichunserem Oster- oder Pfingstfest. Offziell wurde in China 1911 der Gregorianische Kalendereingeführt.

Aber in der Familie zählt nur das traditionelle Neujahrsfest, das nach unserem Kalenderin die Zeit zwischen dem 21. Januar und 19. Februar fällt. Vor dem Fest geht es in Chinaähnlich zu wie bei uns vor Weihnachten: Geschenke müssen besorgt, Einkäufe für dasFestessen getätigt werden, und es wird gekocht, gebraten und geputzt. Auch in andererHinsicht ähneln die beiden Feste einander: Wirkliche Atmosphäre, verwurzelte Bräuchefindet man in der Stadt immer seltener. Auf dem Lande hingegen ist alles noch vielursprünglicher und nach wie vor mit viel Aberglauben verbunden. Wo aber die Grenzeziehen? Was ist Aberglaube, was Volksbrauch? Oder ist es einfach nur ein großer Spaß, umdessen einstmals tieferen Sinn man sich heute nicht mehr kümmert?

Zu den jahrhundertealten Bräuchen, die den Chinesen noch immer großes Vergnügenbereiten, zählen die Stelzengeher. Vielerorts gehören sie einfach weithin sichtbar- zuNeujahr zum bunten Treiben auf den Straßen.

Eine andere, ebenso beliebte Art der Volksbelustigung sind die sogenanntenTrockenbootrennen, die unverändert ein großes Publikum anziehen. Dazu kostümieren undschminken sich junge Burschen nach Art traditioneller Schönheiten, während andere sichals alte Männer verkleiden, die das Boot mit der Schönen" rudern". Dieses" Boot" wird ausWeidenruten gefertigt, mit Stoff verkleidet und wie ein Reifrock angezogen." Mädchen"und Ruderer unterhalten dann das Publikum mit einem Wechselgesang witzigen, manchmalvielleicht auch etwas derben Inhalts.

Andere Bräuche erinnern stark an das Perchten- oder Schemenlaufen in den Alpen-regionen. Im Grunde bedeuten sie auch dasselbe: Austreiben von Dämonen und Herbeirufenguter Geister.

Ein anderer Brauch ist uns so vertraut, daß wir nicht unbedingt an seinen chinesischenUrsprung denken: das Neujahrsfeuerwerk. In China soll man zunächst Bambussegmente insFeuer geworfen und damit besondere Knalleffekte erzielt haben. Ein weiterer Effekt lag inder Doppeldeutigkeit des Wortes: Zhu bedeutet nicht nur Bambus, sondern in andererSchreibung auch wünschen, und so kann man auf Wunschbildern oft Bambus wie auchBambusknallkörper sehen. Nach Erfindung des Papiers gab man Pulver in Papierhülsen; aufSchnüre gefädelt, ergaben diese das bianpao- Peitschenfeuerwerk-, das man heute, vorallem im Süden, gern bei Hochzeiten in die Bäume hängt und abbrennt. Apropos Hochzei-ten: fast ist es zum Brauch geworden, zu Neujahr zu heiraten- man hat mehr freie Tage,

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