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Herdgott und Habergeiss : Leben und Brauch in China und Österreich ; ein Vergleich in Bildern und Sachen ; Begleitveröffentlichung zur Sonderausstellung Wien
Entstehung
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BAUERNJAHR UNDBAUERNJAHRE IN

CHINA

Gerd Kaminski

1. DIE FESTE IM CHINESISCHEN BAUERNJAHR

Im alten China wurden wesentlich mehr Feste gefeiert. Die in der Ausstellunggezeigten Arbeiten der Bauernmalerinnen aus dem nordchinesischen Dorfe Wangxiacungeben darüber Auskunft, was davon noch im Bewußtsein der Bevölkerung lebendig ist. Dieim Museum für Volkskunde gezeigten Exponate gruppieren sich ebenfalls um die in denMalereien dokumentierten Feste.¹

A. DAS NEUJAHRSFEST

Eine Reihe von Neujahrsbräuchen wird in dem hier ebenfalls abgedruckten BeitragElse Unterrieders beschrieben. Hier sei zuerst einmal auf den Hausputz verwiesen, welcherdem Neujahrsabend vorangeht. Schon in den Wochen davor gibt es" Putztage", für die nachdem chinesischen Kalender glückbringende Tage gesucht werden.² Am letzten Tag desJahres werden dann nochmals besondere Anstrengungen unternommen. Einem altenAberglauben zufolge kann der alte Staub im neuen Jahr die Hausbewohner blind machen.³Aus ähnlichen Gründen sind in der Neujahrsnacht alle Häuser hell erleuchtet. Das Böse wirdso aus den dunklen Ecken vertrieben." Mancherorts zündet man in der Morgendämmerunghelle Fackeln aus Kiefernzweigen, Schilf und Bambus an, damit geht man durch Haus undHof.' Hofausleuchten' heißt die volkstümliche Bezeichnung dafür." 4

Der Charakter des Neujahrsfestes als Familienfest wurde früher dadurch unterstrichen,daß nach Beendigung der Vorbereitungen für den Neujahrsabend die Tore geschlossen undmit roten Streifen versiegelt wurden. Keine Besucher wurden mehr akzeptiert. Das Glücksollte nicht das Haus verlassen dürfen. Zu den Vorbereitungen gehörte auch das Vorkochender Speisen für den Neujahrstag. An dem ersten Tag im Jahr ist nach altem Brauch dieVerwendung von Messern, Scheren oder Hackebeilen verpönt. Man würde Gefahr laufen,dadurch das Glück des neuen Jahres abzuschneiden. Im Norden sind" Jiaozi"- eine Art vonRavioli, die traditionelle Neujahrsspeise. In südlicheren Regionen bereitet man aus Ei eineHülle, welche ebenfalls mit Fleisch gefüllt wird und den traditionellen Silberbarren(" Silberschuhen") ähnelt. Bei einigen der Jiaozi oder Knödeln fügt man der Fülle gernekleine Geldstücke oder Erdnüsse bei. Wer beim Essen darauf stößt, wird im neuen Jahr vielGlück haben. In Shandong hat man schon sehr früh Gelegenheit, sein Glück zu erproben,denn die Jiaozi werden bereits gegen vier Uhr früh serviert, dazu ein starker Schnaps, der denSchlaf aus den Gliedern rüttelt. Die Reichen hatten früher die Gewohnheit, kleine Gold- und

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