Druckschrift 
Herdgott und Habergeiss : Leben und Brauch in China und Österreich ; ein Vergleich in Bildern und Sachen ; Begleitveröffentlichung zur Sonderausstellung Wien
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 
  

" Doppeltes Glück"

Oft biß die Braut vor dem Ver-lassen des Hauses in einen Apfel( ping- guo) und legte den Bissenim Hause des Bräutigams auf dasEhebett." Ping" mit einem ande-ren Zeichen geschrieben bedeutet" Frieden". 33 Mit einem dämonen-schreckenden Feuerwerk wurdedie Braut von ihrem Elternhausverabschiedet und auf ebensolcheWeise vor dem Hause ihresBräutigams empfangen. Verbrei-tet war die Sitte, die Braut vordem Aussteigen über ein Kohlen-becken oder Grasfeuer zu tragen.34Sowohl in Nord- wie auch inSüdchina war im Hof des mit Fle-dermaussymbolen und dem Zei-chen für" Doppeltes Glück" ge-schmückten Hauses ein" Himmel-und- Erde- Tisch" aufgestellt,welcher Bilder der Götter vonHimmel und Erde trug. Dazu ka-men zwei Leuchter ein Räucherfaẞ

und zwei Vasen.35 Auf dem Himmel- und- Erde- Tischen in der Umgebung von Pekingbefanden sich außerdem ein Bogen und Pfeile. Während die Braut über das Feuer getragenwurde, schoß der Bräutigam drei Pfeile unter die Sänfte, um so den letzten übriggebliebenenDämonen den Garaus zu machen. 36 Entweder am Himmel- und- Erde- Tisch oder imSchlafzimmer nahm dann der Bräutigam seiner Zukünftigen den roten Schleier ab. AlsZeichen des nunmehr gemeinsamen Lebens tranken die Brautleute Wein, mischten ihn dannoder tranken aus der Schale des anderen. Dann folgten Kotaus vor den Haushaltsgöttern, denAhnen und den Eltern des Bräutigams.37 Danach mußte die Braut stocksteif mit unter-geschlagenen Beinen auf dem Brautbett sitzen. Während sich der Bräutigam absentierenkonnte, mußte die Braut alle- zum Teil recht anzüglichen- Neckereien der Hochzeitsgästeüber sich ergehen lassen. Sogar sprechen durfte sie erst dann, wenn es ihr die Schwieger-mutter erlaubt hatte. Nicht einmal die Toilette durfte sie aufsuchen. Deshalb fastete sie amVorabend und trank einen harnhemmenden Gingko- Tee. 38 Erst zur Stunde des Schweins,das heißt etwa um zehn Uhr abends durfte sie sich erheben. Nach der Hochzeitsnacht opfertesie am Schrein des Herdgotts Weihrauch und ein Bündel Feuerholz mit dem Zeichen für" Doppeltes Glück".

Da es sich bei den chinesischen Hochzeiten mehr um Angelegenheiten der Sippe alsder direkt davon betroffenen Personen handelte, gab es sogar posthume Heiraten.- Vor allemdann, wenn ältere Geschwister von Eheanwärtern verstorben waren, ohne selbst in denEhestand getreten zu sein. Ein geeigneter Partner im Reich der Schatten wurde ausgewähltund die Särge neu zusammen beerdigt. Brautgut und Geschenke bestanden allerdings ausPapier. 38 Solche Schwiegertöchter waren in der glücklichen Lage, sich der rauhen Behandlungdurch ihre Schwiegermütter zu entziehen. Denn das Schicksal der chinesischen Ehefrauen

34