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Die Groteske in der Volkskunst : Ausstellung im Praemonstratenserstift Geras ; Katalog
Entstehung
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Einleitung

DIE GROTESKE IN DER VOLKSKUNST

Werden und Bedeutung

Seit Karl Friedrich Flögel das Grotesk- Komische"( 1788) als Gattungerkannt hatte, dazu die zweifellos noch angrenzende Geschichte der ,, Hof-narren"( 1789) schrieb und schließlich auch eine Darstellung des, Bur-lesken"( 1793) folgen ließ, war es klar, daß damals, zur Zeit der Aufklä-rung, alle merkwürdig, oft tragikomisch anmutenden Verbildungen undVerzerrungen des geläufigen Bildes begriffen und sinnfällig gemacht wor-den waren ¹. Die wunderlichen Verzerrungen von Natur- und Kunstfor-men, von Tier- und Menschengestalten hatten theatralische und bildendeKunst längst begleitet. Alles Maskenwesen kam seit der Antike nicht ohnegroteske Züge aus. Das Christentum verwies sie nicht selten in den Bereichdes Teuflischen, wobei die Urbilder ebenso verurteilt werden konnten wieihre Abbilder. Man trennte sich aber nie ganz von ihnen. Selbst in derHochblüte mittelalterlicher Kunst gestaltete man das Abstruse, das Gro-teske neben dem Schönen und Lichten, das vermeintlich Teuflische nebendem vermeintlich Himmlischen. Bauplastiken, Wasserspeier, Masken an denDomen des Mittelalters zeigen diese Seite der gar nicht nur geheimen Lustam Außergewöhnlichen in häßlicher Gestalt 2.

Was in der Steinmetz- Volkskunst des Hoohmittelalters seine Entladunggefunden hatte, trat mit Teufels-, Narren- und Totentänzen, wie Goethemeint, in der Renaissance auf die brauchtümliche Bühne. Maskentänzer, wiedie Schembartläufer zu Nürnberg, gestalteten die alten Impulse neu ³. Ausder alten Teufelsikonographie gingen so manche Züge auf die Narren-gestalten des Volkstheaters der Renaissance über. Dazu kam der maẞloseSpott, den gerade die volkstümliche Literatur der frühen Neuzeit auf allekörperlich Verunstalteten ergoẞ. Man muß sich nur die Jahreszeitenbildervon Pieter Breughel ansehen und dann vergleichen, was Johannes Fischart

1 Karl Friedrich Flögel, Geschichte des Grotesk- Komischen. Neu bearbei-tet von Max Bauer. 2 Bde., München 1914.

2 Wilhelm Fraenger, Die Masken von Rheims. Mit 38 Abbildungen,einer Einleitung und der Legende Der Tänzer unserer Lieben Frau". Erlenbach-Zürich und Leipzig 1922.

3 Fritz Brüggemann, Vom Schembartlaufen(= Meyers Bunte Bänd-chen, o. Nr.). Leipzig 1936.

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