dem bildhaften Hauptmotiv der Darstellung von Christus als Apotheker ist gewissermaßendie zentrale Ansatzstelle für alle diese Zusammenhänge, die fruchtbare Mitte aller thema-tischen Anknüpfungen. Mit der Apotheke stand dieses Frauenkloster mitten im tätigenLeben der physischen Heilungs- wie der religiösen Heilsvermittlung.
Das war nicht zuletzt durch das religiöse Innenleben des Ordens selbst und diesesseines Wiener Klosters bedingt. Die intensive Frömmigkeit barocker Art hat im Ursulinen-kloster offenbar besonders stark und lang gelebt, die Durchdringung des ganzen Kom-plexes mit den entsprechenden Zeugnissen einer volkstümlichen bildenden Kunst bestätigtdies bis auf den heutigen Tag. Dabei handelt es sich aber doch nur um die starren Zeug-nisse, zu denen man sich den lebendigen Glaubensbrauch imaginieren muß. Das HeiligeGrab etwa war nicht bloßes plastisches Bildwerk, sondern wurde in den Heiligen- Grab-Andachten der Osterzeit immer neu verlebendigt. Die kleine Heilige- Grab- Plastik derSammlung( Kat.-Nr. 463) will auch daran erinnern. Besonders volkstümlich lebensvollmag die Weihnachtszeit im Kloster gefeiert worden sein. Das Ursulinenkloster ist dochdie einzige Stätte Wiens, von der bezeugt ist, daß hier der Brauch des Kindelwiegenszuhause war 47). Das sonst von Reformation und Aufklärung längst zurückgedrängtespätmittelalterliche Kindelwiegen hatte hier in der Barockzeit, aber auch noch später,eine Heimstätte. Daran will unsere kleine Christkindwiege( Kat. Nr. 29) erinnern, diesicherlich dem gleichen Brauchvollzug gedient hat. Die Frauenklöster haben auf derartigeGestaltungen des Volksbrauches außerordentlich befruchtend und gestaltend gewirkt. Ausden Alpenländern ist das eher bekannt, wo beispielsweise die Klarissen zu Brixen nochum 1870 das Kindelwiegen pflegten 48). Aber für das alte Wien hat offenbar gleichesgegolten.
Damit sind gewissermaßen die Objekte der Sammlung Religiöse Volkskunst in die-sem Rahmen besonders gerechtfertigt, ihre museale Darbietung mutet beinahe wie einAbglanz ehemaliger funktioneller Einbindung an. Auch wenn die alte Klosterapothekealso nicht mehr als solche fungiert, so erinnert sie eben doch am alten Ort an ihre ehe-malige Wirksamkeit, und daraus ergibt sich die Verbundenheit auch der übrigen Objekteund Objektgruppen mit ihrem Aufstellungsort: Mit ihrer Darbietung in beleuchteten Vitri-nen in den gewölbten alten Klosterräumen, die nicht viel anders als Zellen einer klöster-lichen Schatzkammer anmuten.
2. Die Hausapotheke des ehemaligen Ursulinenklosters in Wien.
Von Klaus Beit!
Bis in das Hochmittelalter war die Herstellung und Aufbewahrung von ArzneienSache der Klöster und der von den geistlichen Orden betriebenen Spitalsapothekengewesen. Erst im 13. und 14. Jahrhundert begannen die Städte in der Folge ihresgroßen wirtschaftlichen und geistigen Aufschwunges, selbst für ein geregeltes Gesund-heitswesen zu sorgen und auch eigene öffentliche Apotheken zu gründen. Aus Wienliegt die erste Nachricht über einen Angehörigen des weltlichen Apothekerstandes ausdem Jahr 1320 vor. ¹) Durch die offiziellen Apothekenordnungen des 16. Jahrhundertswird das bürgerliche Gremium der Apotheker allein befugt, Medikamente um Geld
47) Hans Aurenhammer, Die Wiener Mystikerin Christine Rigler( 1648- 1705)( Kulturund Volk. Festschrift für Gustav Gugitz zum 80. Geburtstag,=== Veröffentlichungen des ÖsterreichischenMuseums für Volkskunde, Bd. V, Wien 1954, S. 8)
Nach A. Schöpfleuthner, Aus den Annalen des Klosters St. Ursula in Wien. Wien 1887.48) Gugitz, Das Jahr und seine Feste im Volksbrauch Österreichs. Bd. III. Wien 1950, S. 269.1) Ignaz Schwarz, Geschichte des Wiener Apothekerwesens im Mittelalter(= Geschichte derApotheken und des Apothekerwesens von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart, Bd. 1). Wien 1917,Seite 35- 36.
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