Einleitung
1. Die Sammlung Religiöse Volkskunst mit der alten Klosterapotheke im ehemaligenWiener Ursulinenkloster
Von Leopold Schmidt
Vor 70 Jahren, nämlich 1896, wurde das Österreichische Museum für Volks-kunde gegründet, vor 50 Jahren bezog es das ehemalige Schönbornsche Gartenpalais inder Wiener Josefstadt. Das Museum kam mit ungefähr 35.000 Objekten in das Garten-palais, und füllte es sogleich ganz aus. Seither hat sich der Gesamtbestand( einschließ-lich der Graphiksammlung) auf ungefähr 78.000 Objekte erhöht, und muß dennochimmer noch mit diesem einen, längst zu eng gewordenen Gebäude sein Auslangenfinden. ¹)
Es mag schon von diesem Umstand her begreiflich erscheinen, daß dieses größteVolkskundemuseum Mitteleuropas jederzeit bestrebt sein muß, neuen Ausstellungs- undDepotraum zu gewinnen. Die Zeiten waren dafür nie sehr günstig. Aber vor etwa einemhalben Jahrzehnt ergab sich eine Möglichkeit ganz neuer Art: Das alte Ursulinen-kloster in der Johannesgasse, ein großartiger geschlossener barocker Gebäudekomplex,war seinen Bewohnerinnen zu alt, zu eng, mit einem Wort für ihre Zwecke nicht mehrbrauchbar geworden. Das unter Denkmalschutz stehende Gebäude wurde vom Bundkäuflich erworben, als neuer Verwendungszweck ergab sich die Unterbringung einesTeiles der Akademie für Musik und darstellende Kunst. 2) Im Inneren des Gebäudesim Erdgeschoß des nach außen hin geradezu spanisch- abweisend erscheinenden Zellen-traktes stak jedoch die alte Klosterapotheke, für welche die Musikakademie keine Ver-wendung haben konnte. Das Denkmalamt wollte sie begreiflicherweise an Ort und Stelleerhalten. Daraufhin überantwortete das Unterrichtsministerium dieses komplexe Objektdem Museum für Volkskunde: Es war fast selbstverständlich, daß an die Zusage derÜbernahme eine Bedingung geknüpft werden mußte, wenn das Museum zu seinenvielen Agenden schon die Erhaltung einer alten Klosterapotheke auf sich nehmen sollte,dann mußte es wenigstens auch die direkt anstoßenden Räume dazu bekommen, umdoch eine kleine Raumflucht an Schauräumen dadurch zu gewinnen.
Das Unternehmen gelang infolge des vorzüglichen Zusammenarbeitens der betref-fenden Abteilungen des Unterrichtsministeriums, der Bundesgebäudeverwaltung I desBautenministeriums, der Architekten bzw. Firmen usw. mit der Museumsdirektion. Ausden erschreckend vernachlässigten, unansehnlichen Räumen rund um die ebenfalls zu-nächst nicht sehr reizvoll anmutende Apotheke konnten schöne Schauräume heraus-gearbeitet werden, einer vor und einer nach der eigentlichen Apotheke, ein Vorraumdazu, und ein breiter, langer Gang, durch den sich ein Rundgang in dem kleinen, fürsich abgeschlossenen Trakt ermöglichen ließ.
1) Leopold Schmidt, Das Österreichische Museum für Volkskunde. Werden und Wesen einesWiener Museums(= Österreich- Reihe Bd. 98/100), Wien 1960.
2) Waltraud Blauensteiner, Die Rettung des Ursulinenklosters( Österreichische Zeitschriftfür Kunst und Denkmalpflege, Bd. XVI, Wien 1962, S. 48 ff.)
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