-
reichische Dichter Franz Grillparzer in den Jahren 1832 1856 Direktor dieses Archi-ves war, woran eine Gedenktafel erinnert. Im Inneren des Gebäudes ist sein Arbeits-zimmer unverändert erhalten. 12) Für unsere Zusammenhänge freilich erscheint es vonbesonderer Wichtigkeit, daß das Hofkammerarchiv auf den Gründen des ehemaligenMariazellerhofes steht. Das bedeutende Benediktinerkloster Mariazell im Wienerwaldhatte hier seinen Stiftshof, ähnlich wie beispielsweise das oberösterreichische Stift Krems-münster in der benachbarten Annagasse seinen Kremsmünsterer Hof besaß. Von diesemMariazellerhof hat sich eine wichtige gotische Plastik erhalten 13). Über dem Stiegen-eingang zum Hofkammerarchiv ist ein ausgezeichnetes Relief eingemauert, das in viel-figuriger Komposition Stefan von Hohenberg darstellt, wie er das Modell des Hauses,das er dem Kloster Mariazell im Wienerwald geschenkt hatte, von seinem heiligenNamenspatron geleitet, kniend der Madonna darbringt. Diese thront, mit dem nacktenJesuskind auf dem Schoß, unter einem reichen Baldachin. Hinter dem Stifter und demhl. Stephan drängen sich noch weitere elf kräftig charakterisierte männliche und weib-liche, durchwegs weltliche Personen, darunter links in der Ecke ein Zwerg, der ein Reh-kalb füttert. Zur Linken der Gottesmutter kniet der Abt des Stiftes Mariazell, umgebenvon elf Benediktinermönchen, so daß eine beachtliche Symmetrie erreicht erscheint. Überden beiden Gruppen sind im Flachrelief Felslandschaften mit Burgen, Häusern undeiner Stadt zu erkennen, links verläuft ein vielfach verschlungenes Spruchband. In derSchriftzeile findet sich die genaue Datierung: 1482. Das auch kunstgeschichtlich wich-tige Widmungsrelief des Mariazellerhofes gehört einem der besten Steinbildhauer imBereich des Stephansdomes an, vielleicht wirkte er in der Werkstatt des„ Meisters derHutstockerschen Kreuztragung".
Von diesem wichtigsten Rest gotischer Kunst in der Johannesgasse führt der nächsteSchritt zum Ursulinenkloster. Diesem umfangreichsten geistlichen Gebäudekomplex stehtgasseneng der beste Barockbau der Gasse gegenüber: Das Savoysche Damenstift. Davonaber später noch mehr.
Den nüchternen Schulbau des Konservatoriums weiter oben stellt das elegantePalais Questenberg, später Kaunitz in den Schatten. 14) Graf Johann Adam vonQuestenberg hat es sich wohl von einem italienischen Baumeister in den Jahren nach1701 errichten lassen. Heute enthält es Räume des Finanzministeriums, an dessenHauptbau, das ehemalige Winterpalais des Prinzen Eugen von Savoyen in der paralle-len Himmelpfortgasse, es ja hofseitig anstößt. Neben dem Palais Questenberg- Kaunitzsteht das ebenfalls sehr vornehme ursprünglich gräflich Sinzendorfsche, später Schöl-lersche Palais, das in seiner klaren Tektonik dem 1782- 1784 erbauten Palais Palla-vicini am Josephsplatz verwandt ist. 15)
Es paẞt mit seiner männlich zurückhaltenden Front vorzüglich zu dem mehr alsein halbes Jahrhundert älteren Palais Questenberg- Kaunitz. Dann springt hier ein Neu-bau, ein Gemeindebau der Fünfzigerjahre, pietätvoll zurück. Ein Mosaik über seinerEinfahrt erinnert daran, daß an dieser Stelle einstmals das Goldbergsche Stiftungshausstand, dessen Erträgnisse Studierenden der Wiener Universität zugutekamen. Das alte
12) Hanns Leo Mikoletzky, Auf den Spuren Grillparzers. Zum 160. Geburtstag des Dichters( Wiener Universitätszeitung, Jg. III, Nr. 3 vom 1. Februar 1951, S. 2 f.)
derselbe, Der Archivdirektor Grillparzer.( Die Warthe, Beilage der Furche, Nr. 19 vom9. Mai 1953, S. 2)
derselbe, Der Staatsbeamte Franz Grillparzer( Österreichische Hochschulzeitung, Jg. 18. Nr. 2vom 15. Jänner 1966, S. 2 f., mit Abbildung des Arbeitszimmers)
13) Karl Ginhart, Die gotische Plastik in Wien( in: Donin, Geschichte der bildenden Kunstin Wien, Bd. II, Wien 1955, S. 137)
14) Bruno Grimschitz, Wiener Barockpaläste. Wien 1944, S. 19 f. und Abb. 34, 35.15) Baldaß, Wien, S. 176.
4