Häusliches Leben, häusliche Arbeit
Die Familienfotografie als Produkt der bürgerlichen Familie hat nichtdie Erwerbswelt zum Thema, sondern das von dieser abgetrennteFamilienleben. Das Haus oder die Wohnung als baulicher Rahmendes Familienlebens besitzt für die Familienfotografie dementspre-chend einige Bedeutung. Die Fotos zeigen nicht nur Haus oderWohnung sowie deren Einrichtung, sondern auch das familiäre Le-ben innerhalb der eigenen vier Wände. Dabei entwickelten sichzahlreiche immer wiederkehrende Motive: lesende Familienmitglie-der in einer gemütlichen Ecke, die Familie beim Kartenspiel, bei derHausmusik oder beim Nachmittagskaffee.
Zumindest der Ideologie nach ist die bürgerliche Familie ein arbeits-freier Ort. Um den adäquaten Rahmen für das Familienleben zugewährleisten, ist jedoch nicht nur die außerhäusliche Erwerbsarbeit,sondern auch häusliche Arbeit notwendig. Mit der modernen bürger-lichen Familie entstand die Hausarbeit als eine weibliche Aufgabe.Vielfach wurde versucht, den Arbeitscharakter der Hausarbeit zuverschleiern, in dem sie als Liebesdienst und„ natürliches" Bestrebender Frau dargestellt wurde. In vermögenderen bürgerlichen Familienerledigte Dienstpersonal die„ grobe" Arbeit wie Kochen, Putzen undWäschewaschen. Die Dame des Hauses widmete sich repräsentati-ven Aufgaben, der Betreuung des Gatten und der Kinder sowie,, feinen" Arbeiten wie dem Sticken. Solche weiblichen Textilarbeitenverdeutlichen den ambivalenten Charakter der Hausarbeit in derbürgerlichen Familie sehr deutlich. Einerseits war Hausarbeit einewichtige Basis des Familienlebens, andererseits mußte sie möglichstunsichtbar ausgeführt werden, es sollten lediglich ihre Produkte wieSauberkeit und Gemütlichkeit sichtbar werden. Außer in den amaristokratischen Lebensstil orientierten großbürgerlichen Familiensollte sich die Frau nicht dem Müßiggang hingeben, sondern Fleißzur Schau stellen- dafür kam Küchen- oder Putzarbeit jedoch nicht inFrage. Mit den feinen weiblichen Handarbeiten konnten diese Anforde-rungen miteinander verknüpft werden. Die handarbeitende Frau demon-strierte weiblichen Fleiß und Geschicklichkeit. Sie stellte Dinge her, diedas Heim verschönerten. Und nicht zuletzt trug sie mit ihren Textilarbei-ten zur gemütlichen Stimmung in der Familie und zu einer heimeligenWohnatmosphäre bei. Zahlreiche Maler und Schriftsteller haben im 19.Jahrhundert solche Szenen festgehalten und beschworen.
Die handarbeitende Frau ist auch jenes„ Arbeits"-Motiv, das in derFamilienfotografie am häufigsten auftaucht. Selten haben Männerihre Frauen oder Töchter beim Abwaschen oder Staubwischen foto-grafiert, gerne griffen sie hingegen zur Kamera, wenn sie eine gemüt-liche häusliche Szene einfangen konnten, in deren Mittelpunkt die
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