Kinder im Fotoatelier
Bis ins frühe 20. Jahrhundert hinein wurde die Entwicklung einesKindes aufgrund der noch teuren Fotografie- außer in sehr wohlha-benden Familien- nur in ihren wichtigsten Stationen festgehalten.Die Anlässe, zu denen ein Fotoatelier aufgesucht wurde, entspra-chen weitgehend den kulturell genormten Lebenslaufereignissen.Die frühe Kindheitsphase wurde häufig durch Aufnahmen vom nack-ten Baby auf einem Eisbärenfell dokumentiert, eine Mode, die um1900 aufkam und sich bis etwa 1930 großer Beliebtheit erfreute.Verbreitet waren auch Halbakte, bei denen die Kinder Hemdchentrugen, dessen einer Träger keck über die Schulter fiel 31. Waren dieKinder bereits etwas größer, wurden sie wie die Erwachsenen feinherausgeputzt. Oft bekamen sie Spielzeug in die Hand gedrückt, waseinerseits zur Beruhigung und Ablenkung diente, andererseits zuMarkierung des jeweiligen Geschlechts. Buben erhielten technischesSpielzeug, Fahrzeuge oder Gewehre, Mädchen Puppen, Puppenwa-gen oder Miniaturhaushaltsgeräte aus der Spielzeugkiste des Foto-grafen oder sie brachten es von zu Hause mit. Andere Spielsachenwie Bälle, Reifen oder bestimmte Stofftiere galten als geschlechts-neutral und waren somit bei Mädchen und bei Buben im Einsatz. Diegeschlechtsspezifische Inszenierung der Kinder ist ein Ausdruck desBestrebens, ein Bild gemäß des gewünschten Rollenverhaltens her-zustellen, es ging weniger darum, die jeweiligen Eigenheiten einesKindes festzuhalten. Die Mädchen hatten zart, verspielt, anschmieg-sam, verträumt, aber auch schon weiblich- kokett oder mütterlich zuwirken, die Buben selbstbewußt und bestimmt. Bei Aufnahmen vonGeschwistern erscheint ein älterer Bub häufig als Beschützer seinerkleinen Schwester, ein älteres Mädchen in mütterlicher Pose ihremkleinen Bruder gegenüber.
Die Art und Weise, wie Kinder auf Atelierfotografien inszeniert wer-den, spiegelt die jeweiligen Vorstellungen von Kindheit wider. Kinderwerden häufig nicht so fotografiert, wie sie sind, sondern so, wie dieErwachsenen sie sehen möchten. Diese Vorstellungen reichen vomKind als kleinem Erwachsenen bis hin zum infantilisierten Wesen,das in eine verkitschte Szenerie hineingestellt wird. Die historischsich wandelnden und in den verschiedenen sozialen Schichten un-terschiedlichen Einstellungen zum Kind kommen in den Fotografienebenso zum Ausdruck wie die jeweiligen Fotografiermoden.
31 Vgl. Stille, Eva( 1981): Kinderfotos als sozio- kulturelle Quelle. In: Fotogeschichte1/1.
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