fende Bildgedächtnis" 27 den Blick auf jene Momente und Ereignisse,an die man sich später erinnern möchte. Weil sich die Familienfoto-grafie fast ausschließlich an den schönen Augenblicken des Famili-enlebens orientiert, ist dieses Gedächtnis also ein sehr einseitiges,es bezieht sich nur auf bestimmte Aspekte des Familienlebens. Aufden Familienfotos erscheint die Familie meistens als harmonischeEinheit, Probleme und Auseinandersetzungen geraten nicht aufsBild. Das Verhalten vor der Kamera ist vielfach einzig und allein aufdas spätere Betrachten der Fotos ausgerichtet. Bestimmte Posenwerden nur vor der Kamera eingenommen, ja es werden geradezu,, fotografierenswürdige" Momente inszeniert, um sie bildlich festhal-ten zu können: ,, Wo fotografiert wird, ist es schön“, es werden„ schöneErinnerungsbilder" hergestellt. Fotografien machen nicht die Realitätunmittelbar zugänglich, sondern Bilder 28. Dies gilt auch für die Fami-lienfotografie: Sie zeigt jene Bilder der Familie, die diese von sichselbst für die Zukunft und für die Nachwelt überliefern möchte. Diedurch solche Bilder ausgelösten Erinnerungen beziehen sich alsoweniger auf„ tatsächliches" Familienleben, sondern vielmehr aufWunschvorstellungen davon.
Der Erinnerungswert von Fotografien besteht zunächst darin, daß sieautobiographisches Wissen über die eigene Vergangenheit auslö-sen 29. Dem fremden Betrachter sind solche Informationen nicht un-mittelbar über das Bild zugänglich:„ Unter der Photographie einesMenschen ist seine Geschichte wie unter einer Schneedecke vergra-ben. 30 Ohne die mündliche Tradition bleiben die Fotografien ingewisser Weise stumm. Fotografien überdauern zwar den Augen-blick, aber sie vermögen ihn nicht lebendig zu erhalten. Eine Foto-grafie ,, lebt" nur durch die dazugehörende Geschichte, nur sie vermagdas Dargestellte in einen konkreten Lebens- und Sinnzusammen-hang einzuordnen. In der Familie spielen die durch Fotografienausgelösten und angeregten Erzählungen eine wichtige Rolle für dieKommunikation und die Tradierung der Familiengeschichte.
27 Vgl. Hartwig, Helmut( 1977): Vorgreifendes Bildgedächtnis. In: Ästhetik& Kommu-
nikation. Nr. 28, S. 53.
28 Sontag, Susan( 1980): Über Fotografie. Frankfurt/ Main, S. 157.
29 Zur Bedeutung der Fotografie für die Erinnerung und die Lebensgeschichte vgl.auch: Breuss, Susanne( 1994): Das Leben als Bilderchronik. Private Fotografie undLebensgeschichte. In: Wendner- Prohinig/ Chvojka, Erhard( Hg.): Spuren suchen.Lebensgeschichte und Lebenslauf. Wien, S. 39-52.
30 Kracauer, Siegfried( 1984): Die Photographie. In: Ders.: Das Ornament der Masse.Frankfurt/ Main, S. 26.
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