aus dem Boden schießenden Fotoateliers, auf dem Land konnteman sich von einem umherziehenden Wanderfotografen aufnehmenlassen. Das schnelle Aufblühen des fotografischen Gewerbes unddas steigende Angebot an entsprechenden Einrichtungen und Pro-dukten darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, daß die Fotografiewährend der ersten Jahrzehnte aufgrund ihrer Kostspieligkeit einerkleinen und vermögenden Gesellschaftsschicht vorbehalten bliebauch wenn in den 1850er Jahren mit den schnell sehr beliebtenVisitenkarten- Portraits die Entstehungskosten der fotografischen Bil-der erheblich gesenkt werden konnten und in der Folge eine regel-rechte Portraitsucht um sich griff. Unter diesen kleinformatigen Por-traits finden sich jedoch kaum andere als solche von bürgerlichenund adeligen Personen.
Die Ateliers der Berufsfotografen dienten dem Bürgertum, das ihreHauptklientel ausmachte, gleichsam als Bühne der Selbstdarstel-lung. Mit der im Fotoatelier eingenommenen Pose verkündeten dieBürger ihre Lebenseinstellung, ihren Status, ihren Erfolg- inmitteneiner Staffage, die ihren Wertvorstellungen und ästhetischen Idealenentsprach. Möbelstücke und Stoffdrapierungen zitierten den bürger-lichen Wohnstil und verwiesen zugleich auf die zentrale Bedeutungdes bürgerlichen Heimes. Bücher und Zeitungen als Requisitensymbolisierten Bildung und Interesse an den Vorgängen in der Welt.Fotoalben oder gerahmte Fotos ermöglichten nicht nur die bildlicheAnwesenheit von Abwesenden, sie stellten darüber hinaus die Abge-bildeten in eine familiäre Traditionskette hinein, die für das aufstei-gende Bürgertum zu einer wichtigen Referenz wurde.Wenn auch die Fotografie als unbestechliches Mittel zur Abbildungder Realität und als Garantin der Wahrheit gefeiert wurde 10, so betratman doch durch die Eingangstür des Atelierfotografen eine Welt desScheins, in der die Bilder den jeweiligen Wünschen entsprechendgestaltet wurden. Die Fotoateliers entwickelten sich zunehmend zuProduktionsstätten idealisierter Menschenbilder. Trotz des An-spruchs auf Individualität, der in einer detailgetreuen Fotografie ambesten einlösbar schien, wollte man sich doch auch einreihen in dieGruppe jener, die gesellschaftliche Relevanz besaßen. War es derFotografie einerseits möglich, gerade die jeweiligen individuellenEigenheiten einer Person genauestens abzubilden, so trachtete die9 Zur Geschichte der Fotoateliers in Österreich vgl. Starl, Timm( 1983):„ Die Photo-graphie ist eine Nothwendigkeit...". Die Atelierfotografie in Österreich im 19. Jahr-hundert. In: Hochreiter, Otto/ Starl, Timm( Hg.): Geschichte der Fotografie in Öster-reich. Bd. 1, S. 25-51.
10 Zur Diskussion über das Verhältnis von Fotografie und Wirklichkeit vgl. z.B.: Dewitz,Bodo von/ Scotti, Roland( Hg.)( 1996): Alles Wahrheit! Alles Lüge! Photographie undWirklichkeit im 19. Jahrhundert. Die Sammlung Robert Lebeck. Ausstellungskata-log. Amsterdam- Dresden.
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