Wer tatauiert sich heutzutage in europäischen Kulturländern?
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Gebildeter, der gelehrten Berufe, des Beamtentums usw. eine Hautpunktierung ange-troffen. Wenn dem aber so ist, dann darf es auch nicht wundernehmen, wenn einrelativ hoher Prozentsatz von Verbrechern und Dirnen Tatauierungen aufweist; dennes rekrutieren sich doch nun einmal der gemeine Verbrecher wenigstens und die Dirneim großen ganzen aus diesen niederen Volkskreisen, während andererseits von FERRIwohl mit Recht betont wird, daß aus höheren Gesellschaftsklassen stammende Ver-brecher nicht tatauiert zu sein pflegen. Aber auch unter den Schwerverbrechern sindes nur bestimmte Typen, bei denen man gehäuft Tatauierungen wird nachweisenkönnen, so daß HANS GROSS die Meinung äußert, nur bei energischen Naturen,bei Mördern, Totschlägern, Einbrechern und bei besonders sinnlichen Leuten,wie Zuhältern, Päderasten, Notzüchtern und Schändern sei ein gehäuftes Vorkommenvon Tatauierungen zu erwarten, dagegen nicht bei Betrügern, Einschleichern u. dgl. m.Diese Auffassung nun dürfte aber auch weitergehende Berechtigung haben: essind die willensstarken, mutigen und unternehmungslustigen Charak-tere, welche überhaupt zur Tatauierung kommen werden, während vonHaus aus oder durch Erziehung und Beruf weichliche Naturendieser rohen Dauertoilette der Haut ausweichen werden. Es wäre viel-leicht schon am Platze, in bezug auf die allgemeine Körperkonstitution die Häufigkeitdes Vorkommens von Tatauierungen zu untersuchen, ob besonders kräftig konstituierteMenschen häufiger sich der Prozedur unterziehen als schwächlich veranlagte Menschen.Bei militärischen Musterungen der Bevölkerung wäre hier wertvolles Tatsachenmaterialzu gewinnen, soweit eine allgemeine Wehrpflicht besteht.
Jedenfalls spricht für eine stärkere Beteiligung der kräftigen und entschlossenenNaturen an den Tatauierungen manche alltägliche Beobachtung: es ist ganz allgemeinbekannt, daß Matrosen, Schiffer, Heizer, kurz Seeleute aller Art auffallend häufig ta-tauiert sind; hier handelt es sich doch zweifellos um einen Beruf, von dem man mitRecht behaupten darf, daß für seine Wahl Mut, Abenteuerlust, Unerschrockenheit undUnternehmungsgeist maßgebende Charaktereigenschaften bilden. Ferner ist bekannt,daß beim Militär das Tatauieren eine weitverbreitete Sitte ist und gerade währendder Dienstzeit sehr viele Hautpunktierungen vorgenommen werden, worauf die zahl-reichen einschlägigen Darstellungen hinweisen. Also auch hier bei einer Menschen-klasse, bei der Mut und Kühnheit und Entschlossenheit vorausgesetzt werden. Auchdas uns zu Gebote stehende und teilweise in diesem Werke verwendete Material vonBerufstatauierungen gibt bis zu einem gewissen Grade eine Bestätigung solcher Auf-fassung. Berufstätige, welche viel den Unbilden der Witterung ausgesetzt sind, alsoz. B. Kutscher, Maurer, oder solche, welche wuchtige Arbeit zu verrichten haben, z. B.Schlosser, Hufschmiede, Fleischer oder solche, welche gefahrvolle Tätigkeit ausüben,z. B. Grubenarbeiter, zeigten sich am häufigsten tatauiert, während zahmere und wenig
Riecke, Das Tatauierungswesen im heutigen Europa.
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