Heft 
60 (2025) 2
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32IN T E RV IE WWir selbst sind die(post-)migrantischen GemeinschaftenEin schriftliches Gespräch mit dem KollektivMUSMIG über ein Museum, das als Forderungnach einem Museum der Migration zueinem Museum wird, über Sammlungenauf Dachböden und einen konkreten Raumim Pavillon 1 am Otto Wagner Areal.Was hat euch dazu inspiriert, MUSMIG(Museum der Migration) zu gründen?Ljubomir Bratic:Die Forderung nach einemArchiv oder Museum der Migration in Öster-reich ist bereits mehrere Jahrzehnte alt,und dennoch blieb solch eine Institution bisheute ein Phantasma. Die frühen Versuche,Migration zu archivieren und in musealenKontexten auszustellen sind in Österreichv. a. im Kontext von Initiativen zur verstärktenSichtbarmachung von Gastarbeit zu veror-ten. Kaum eine Form von Migration war ja fürdas Land seit den 1960ern so prägend, wiedie Arbeitsmigration aus Jugoslawien bzw.seinen Nachfolgestaaten und der Türkei. Inder zweiten Hälfte der 1990er Jahre ging esuns in der politisch engagierten migranti-schen Szene in Wien vorrangig um die Frage,wie eine starke antirassistische Positionaufzubauen wäre. Die Antworten, die damalsdiskutiert wurden, kreisten um Themen wieKonfliktinszenierungen,(Self-)Empower-ment, Allianzenbildung, usw. Ziel war immer:Strategien zur Veränderung rassistischerStrukturen der Gesellschaften zu denkenund auszuprobieren.Elena Messner:Die museumspolitische­Diskussion um die Musealisierung der Migra-tion hat sich zwar in den letzten Jahrzehntenenorm entwickelt, aber ein Museum derMigration gibt es bis heute nicht. Für michwar ein motivierender Moment, als ich imMünchner Stadtmuseum 2019 im Rahmenmeiner Arbeit an einem künstlerischenProjekt zur Gastarbeit eine migrationsbe-zogene Intervention in die Dauerausstellunggesehen habe. Auf einmal war das MünchnerStadtmuseum ein Museum der Migration. Daswar für mich der Anlass, postwendend beider Stadt Wien einen Antrag auf Unterstüt-zung für eine wissenschaftlich-künstlerischeIdeenwerkstatt MUSMIG zu stellen. Darausist dann durch Kooperationen, Netzwerke,Ideen und Freundschaften plötzlich dasKollektiv MUSMIG entstanden.Mariama Nzinga Diallo:MUSMIG Museumder Migration ist ein Projekt, das dieSelbsthistorisierung von Migrant:innenanstrebt. Es sucht nach einer Positionie-rung öffentlicher Institutionen angesichtsglobaler Kriege, Klimakatastrophen und der­kapitalistischen Ausbeutung von Menschenund Natur. MUSMIG stellt die offene Frage,ob es möglich ist, ein migrantisches Subjektzu denken, das ebenso viele Rechte hatwie ein Staat oder ein Individuum, und wasdies für Fragen der Kuratierung in Museenbedeutet.Gibt es eine MUSMIG-Sammlung?Ljubomir Bratic:Hunderte. In Kellern undauf Dachböden oder bei Individuen oderCommunities, Vereinen, Gruppen. Etwa beimir zu Hause. Ein Ziel unserer Arbeit warimmer zu zeigen, dass es zwar viele privateArchive, Projekte und Objekte der Migrationgibt, aber keinen Raum, wo diese Objekte,und das entsprechende Wissen, systema-tisch ausgestellt werden können.Welche Ziele verfolgt ihr?Elena Messner:Das Ziel war immer eindoppeltes: einerseits Museen dazu zu­bringen, sich diesem Thema anzunehmenund strukturellen Rassismus oder ihrenationale Beschränktheit zu hinterfragen,