Abgestaubt
53. Jahrgang
Von Museumsobjektenund Filmrequisiten
Die Erschließung neuerEinnahmequellen für das Museumnach dem Ersten Weltkrieg
Das Ende des Ersten Weltkriegs und derZusammenbruch der Monarchie verur-sachten Zäsuren in langjährig etabliertengesellschaftlichen Strukturen und adminis-trativen Abläufen. Eine solche Zäsur ist inden Kassabüchern des Volkskundemuseumsablesbar, als ab November 1918 die regel-mäßigen, betriebserhaltenden Spenden derMäzene und Mäzeninnen ausblieben. Schonbald machten sich Finanzierungsengpässebemerkbar und das Museum war gezwun-gen, sich nach neuen Einnahmequellenumzusehen.
Eine solche tat sich in der kurzen Blü-tezeit des österreichischen Stummfilmszwischen 1918 und 1923 auf, als im Jahr1920 begonnen wurde, Sammlungsobjekteals Filmrequisiten an Wiener Filmproduk-tionsfirmen zu verleihen. Erster Kunde wardie„ Astoria Film- Gesellschaft m. b. H., dieim November 1920 mit dem Stifterbetragvon 10.000 kronen dem Verein beitrat.Die moderne Filmfabrik befand sich in derMarchfeldstraße 18 im Bezirk Brigittenauund bot neben dem Aufnahmesaal eineFreilichtbühne, Dekorationswerkstätten,Möbelmagazine, Garderoben, Büros, Dun-kelkammern, eine Kopieranstalt und eineDruckerei für Film- und Zwischentitel. Demzentralen Büro in Wien 7., Neubaugasse30 wurde im Oktober 1920 eine Leihan-stalt angegliedert. Die Astoria produzierteSpielfilme und Dokumentationen, war aberdamals in Österreich auch der einzig rele-vante Hersteller von Trickfilmen.
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Eine Requisitenleihe lief folgendermaßenab: Die Objekte wurden unter der Ägide desAusstattungschefs Hans Berger zusammenmit dem Sammlungsverwalter EngelbertJünger ausgesucht. Nach Hinterlegungeines Deckungsschecks über die Summeder Schätzwerte konnten die Gegenständeabgeholt werden. Als Leihgebühr wurden6% des Schätzwertes verrechnet. WennObjekte verloren gingen oder zerbrachen,wurde der jeweilige Schätzwert als Ersatzin Rechnung gestellt.
Bereits bei der ersten Ausleihe durch dieAstoria im März 1921 dürfte es Problemegegeben haben. In einem Schreiben desMuseums an die Firma wurde die Objekt-anzahl pro Monat limitiert, die Leihgebührauf 10% erhöht und maßvolle Beanspru-chung Herrn Jüngers eingemahnt. In denJahren 1921 bis 1923 gingen insgesamt14 Zahlungen für Leihgebühren ein. 1922betrugen z. B. die Einnahmen für Aus-leihen durch die Astoria 143.248 Kronen- immerhin 1% der Jahreseinnahmendes Museums( wobei die rasant fortschrei-tende Inflation zu berücksichtigen ist).
Aber auch einen herben Verlustbescherte diese Geschäftsbeziehungdem Museum. In der Ausschusssitzungvom 12. Mai 1921 musste Direktor MichaelHaberlandt berichten, dass der Verwal-tungsposten neu zu besetzen ist, da sichHerr Jünger wegen seines niedrigen Muse-umsgehalts der Filmgesellschaft Astoriazugewandt hatte. Sein Austritt erfolgteohne Kündigungsfrist- der TraumberufRequisiteur dürfte gut bezahlt und ver-lockend gewesen sein.
Elisabeth EggerDigitale Sammlungen