Das Museum als USEum
53. Jahrgang
,, Ich kenne Leute,Leute kennen mich"
Ein Gespräch mit Enrique Guitart
Was machst Du?
Ich habe eine klassische Art- Handling Firmaaufgebaut, in der wir die Ideen von Direk-toren und Kuratoren im Ausstellungsraumumsetzen. Ich versuche damit, direkten undpersönlichen Kontakt zur Kunst und zumKunstgeschehen zu haben. Eine zentraleIdee ist es, kein klassisches Angestell-ten- Chef- Verhältnis zu haben, sondern einHands- on- Prinzip herzustellen, bei demalle alles machen. So bleibt der Kontakt mitden Kunden sehr nah, da der„ Chef" nichtim Büro sitzt.
Was interessiert Dich?
Mich interessiert brennend die Frage, wieKunst entsteht, warum eine bestimmteForm eine künstlerische Form ist und nichtzum Beispiel eine Vase oder ein Tisch. Auchinteressiert mich sehr stark die Architek-tur, wie sich ein Raum verändert, wenn wirBilder aufhängen oder generell in diesemRaum etwas machen. Wir arbeiten mehroder weniger ständig mit den gleichen Kun-den, in den gleichen Räumlichkeiten. Ichsehe immer wieder diese Räume und mankann jedes Mal neue Geschichten erzählen,je nachdem, wie wir die Arbeiten hängen,die Wände bauen oder die Buchstaben kle-ben. Für mich ist es äußerst interessant, wieRäume funktionieren, welche Möglichkeitenein Raum hat.
Was löst in diesem Zusammenhang derBegriff ,, Möglichkeitsraum" in dir aus?Als ich nach Österreich kam, habe ichangefangen Radio zu machen und ich
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habe Radio wie einen Raum verstanden.Ein Mitteilungsraum sozusagen und dieserRaum äußert sich durch Lautstärke, wasauf Englisch„ volume" heißt, also Raum...sehr kompliziert. Was also löst der Begriff" Möglichkeitsraum" in mir aus? Das, was wirsehen, die Erzählung des Raumes, kann sichimmer wieder verändern, wenn wir in denRaum eingreifen. Diese Möglichkeit zur Ver-änderung ist wie eine Obsession für mich.Ich weiß nicht warum, aber das löst bei mirein starkes Gefühl, eine starke Emotion aus,bei dem ein Verständnis für etwas Neuesentsteht.
Was stellen Menschen fest, die in diese,, Möglichkeitsräume" kommen, wasentdecken sie?
Das ist eine zentrale Frage für mich. Wirarbeiten monatelang mit Theorie undwissenschaftlichen Überlegungen und dannkommen Besucher, die sich eine Ausstel-lung anschauen, die eventuell etwas lernenwollen oder einfach nur spazieren gehen.Es ist zentral für mich und für meine Arbeit,diese Besucher vor Augen zu haben. Ichfühle mich als Übersetzer dieser Räume.Der Besucher muss den Raum verstehen.Es gibt Techniken dafür, wie man Besucherdafür gewinnen kann, eine komplexe Situa-tion auf einfache Weise zu verstehen. Mandarf nicht vergessen, dass es sich bei demAusstellungsbesuch um eine Freizeitbe-schäftigung handelt. Der Besucher soll denRaum verstehen können, ohne vorher ganzeBücher gelesen zu haben.
Wie viel Handlungs- bzw. Gestaltungs-spielraum hast Du bei deiner Arbeit anden Ausstellungen?
Es ändert sich von Projekt zu Projekt undvon Institution zu Institution. Spätestensseit Harald Szeeman werden Ausstellun-