Heft 
56 (2021) 3
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Lieblingsobjekt

56. Jahrgang

Ein Grödner Männerensembleaus dem späten 18. Jahrhundert

Dieses Männerensemble aus Hut, Gilet,Frackrock ,,, Hosenkraxe"( Hosenträger)," Leibgurt( Bauchranzen/ Gürtel) undLederhose aus dem späten 18. Jh. wurdevom Volkskundemuseum Wien 1922 alsBestanteil einer umfangreichen Sammlungim Wiener Auktionshaus Dorotheumersteigert. Zu diesen sechs Teilen warsicherlich neben Strümpfen und Schuhenein Hemd getragen worden. Es ist jedochnicht Bestandteil des Ensembles. Ob dieseKleidungsstücke überhaupt jemals voneiner bestimmten Person gemeinsamangezogen worden waren, lässt sich heutenicht mehr feststellen. Jedenfalls sind siezusammengehörig als Ensemble unter denNummern ÖMV/ 39.666 bis ÖMV/ 39.671im Inventarbuch des Museums verzeichnet.Die Stücke kommen aus Südtirol,aus dem Grödnertal in den Dolomiten.Heute liegt das Tal in Italien, der italieni-sche Namen lautet Val Gardena. NebenItalienisch und Deutsch werden in derRegion romanische Dialekte gesprochen,die zusammen als( Dolomiten) Ladinischbezeichnet werden.

Unter den Objekten stechen besondersHut und Gilet hervor. Der Begriff Giletdefiniert eine taillenlange Zierweste. Dasses sich bei der vorliegenden um ein Klei-dungsstück auch mit Zierfunktion handelt,machen der gestreifte Farbverlauf inGrün- Gelb- Rötlich, das Satinmuster, dasMaterial Seide und die doppelte Knopfleistedeutlich. Dazu passend ist der Hut nichtnur eine einfache Kopfbedeckung sondernebenso ein Schmuckstück. Dieser soge-nannte Scheibenhut ist aus gelbem Filzgefertigt und die Unterseite der Krempe

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mit gefältelter Seide und Chenillebortenversehen. Die niedrige Hutkrone ziert einbreites grünes Hutband, dessen Endenbis über den Krempenrand hinaus reichenund ein Stück nach unten hängen.

Alles in allem handelt es sich bei diesemEnsemble wenn denn tatsächlich in dieserKombination getragen- um ein Gewand,das sein ehemaliger Besitzer ziemlich sichernicht zumindest nicht vollständig- zumVerrichten bäuerlicher Feld- und Stallarbeitangezogen hat.

Gröden war seit dem 16. Jh. ein Zen-trum der Hausindustrie. Hergestelltwurden Loden und Spitzen, dann Holzer-zeugnisse wie Schüsseln, Spielwaren undgeschnitztes religiöses Kunsthandwerk,für das Gröden heute noch bekannt ist.Die Produktion geschah in Heimarbeit,also nebenerwerblich im Familienbetrieb,wo alle, auch kleine Kinder und Jugend-liche, mitarbeiten mussten, um Gewinneerzielen zu können und so das Überlebenzu sichern.

Die Waren wurden von den Grödner* in-nen mit Buckelkraxen durch ganz Europatransportiert und in großen Städten undHandelszentren verkauft, mit der Zeitetablierte sich ein Verlagssystem. AlsHausierer in oder Verleger* in waren tadel-loses Auftreten und ordentliche Kleidungverkaufsfördernd. Kleidung, die noch dazuregional eingeordnet werden konnte, wie indiesem Fall speziell der Hut und die Hosen-kraxe, wurde im Laufe der Zeit zu einemQualitätsmerkmal der angebotenen Warenund zu einem Werbeträger.

Kathrin Pallestrang, Maria RaidTextil- und Bekleidungssammlung