Ausklang-
Vom Poesiealbum zum Freundebuch
Den Loseblattsammlungen der Biedermeierzeit brachte die Revolu-tion von 1848 kein abruptes Ende. Es war vielmehr ein fließenderAusklang, der sich in den Belegstücken des Museums um 1860vorerst in einem Wandel der beigefügten Schmuckelemente und einerimmer jünger werdenden Benutzergruppe abzeichnet. Erst gegen dasJahrhundertende wird der Übergang zu den hochformatigen, gebun-
denen Poesiealben erkennbar.
Der gefühlsbetonten Periode in der ersten Hälfte des 19. Jahrhundertsfolgte eine Zeit der allgemeinen Ernüchterung. Ausschlaggebenddafür waren die wirtschaftlichen und politischen Spannungen sowiedie sozialen Missstände, die sich im Zuge der Industrialisierungverschärften. Es war nicht mehr die Zeit, das Bedrohliche durch denRückzug in eine arglose Beschaulichkeit zu verdrängen. Das Stamm-buch verlor für viele an Bedeutung.
Die sentimentale Pflege von Freundschaften in Stammbüchern warunter Männern nicht mehr zeitgemäß. Fortan eine Domäne derFrauen, ging das„ Poesiealbum“, wie es gegen Ende des 19. Jahrhun-derts bezeichnet wurde, nach und nach in die Hände der weiblichenJugend über, bis es sich ausschließlich in der Verwendung vonSchulkindern befand. Ausnahmen bildeten Einträge in Gästebüchernund anlassbedingte Widmungen zu Geburtstagen und anderenJubiläen, wie sie in Künstler- und Schriftstellerkreisen beliebt warenund in den sogenannten Künstlerstammbüchern der Zeit erhaltengeblieben sind. Daran durften Männer mit Vergnügen weiterhinteilhaben. Der technische Fortschritt drängte das Stammbuchgleichfalls in den Hintergrund. Durch die Weiterentwicklung derFotografie übernahm das Erinnerungsfoto zunehmend die Andenken-funktion. Die Erwachsenen begannen Fotoalben anzulegen.
1 Gladt, 1967, S. 14
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