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Denk an mich! : Stammbücher und Poesiealben aus zwei Jahrhunderten ; [im Österreichischen Museum für Volkskunde ; Katalog zur Ausstellung ..., 5. Mai bis 22. November 2015]
Entstehung
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Spurensuche-

Stammbuch und Album Amicorum

Aufgrund des Fehlens exakter Daten und Aufzeichnungen gab es bisins 20. Jahrhundert hinein lediglich verschiedene Ursprungs- undEntwicklungshypothesen, aber kaum wissenschaftlich fundierteDaten über den Anfang und die Herkunft der Stammbücher. Grund-legende Kenntnisse über die Frühzeit dieses Sammelmediums sindder systematischen Entdeckungs- und Forschungsarbeit von WolfgangKlose in den 1980er Jahren zu verdanken.'

Als Ausgangspunkt für die Stammbuchtradition konnte Wittenberglokalisiert werden. Folglich stehen die Anfänge in engem Zusammen-hang mit den sich ändernden Lebensverhältnissen unter dem Einflussvon Humanismus und Reformation. Werner Schnabel hält in seinerumfassenden Publikation fest, dass bereits seit Mitte der 30er Jahredes 16. Jahrhunderts also früher als bisher von der Forschungangenommen- auf losen Blättern, in Bibeldrucken und anderenSchriftwerken eigenhändige Widmungen prominenter reformatori-scher Theologen gesammelt wurden.² Die Einträge von Martin Luther( 1483-1546) und Philipp Melanchthon( 1497–1560) waren darunterbesonders begehrt.

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Diesbezüglich verweist Schnabel auf eine Inskription von MartinLuther aus dem Jahre 1534. Hier hielt der Reformator die weiterenSeiten für andere Einschreibende frei, wodurch der Hinweis auf eineplanmäßige Sammlung handschriftlicher Einträge gegeben ist. Es istanzunehmen, dass dieser Beleg den Beginn des Stammbuchgebrauchsdokumentiert.³ Zunächst waren es Anhänger der Reformation ausden bürgerlichen Mittel- und Oberschichten oder dem adeligenUmfeld, die sich um Einträge bemühten. Bereits in den 1540erJahren nahm diese Gepflogenheit rasch zu und verbreitete sich in derFolge über Wittenberg hinaus, wodurch sich auch eine konfessionelle

1 Klose, 1988 und 1989

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Schnabel, 2003, S. 569

3 Ebd., S. 246

4 Ebd., S. 250

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