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Denk an mich! : Stammbücher und Poesiealben aus zwei Jahrhunderten ; [im Österreichischen Museum für Volkskunde ; Katalog zur Ausstellung ..., 5. Mai bis 22. November 2015]
Entstehung
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Einblick

Das Sammeln eigenhändig geschriebener Widmungen im Freundes-und Bekanntenkreis macht den Wunsch des Menschen nach einerbleibenden, individuellen Erinnerungsform sichtbar. Der Gebrauchdes Stammbuchs, später auch Poesiealbum genannt, entspricht zwarnicht mehr dem aktuellen Zeitgeschmack, in Vergessenheit geratensind diese Erinnerungsbücher gegenwärtig dennoch nicht ganz.Wer darauf zu sprechen kommt, erfährt, dass noch viele dieserKindheitsschätze oder Erbstücke aufbewahrt werden. Dabei ist esmeist die sentimentale Wertschätzung, die zum Erhalt solcherKleinode beigetragen hat. Weniger geläufig scheint hingegen die weitzurückreichende Geschichte dieser Bücher und Alben zu sein.

Das Stammbuch war nicht für das kollektive Gedächtnis konzipiert.Abgesehen von einer gewissen Repräsentationsfunktion, war es für dieprivate Erinnerung der Besitzerin oder des Besitzers gedacht. Ihnenoblag es, wem sie Einblick gewährten oder wen sie um einen Eintragbaten. Sie bestimmten, wessen Andenken sie behalten und an wensie sich nicht erinnern wollten. So wird beim Durchblättern derAlben im Museum ein wenig das Gefühl des Eindringens in einefremde Privatsphäre spürbar.

Besonders die Einträge in den Stammbüchern des 19. Jahrhundertssind als Gesten der Freundschaft und Zuneigung sowie als Bitten umewiges Angedenken abgefasst. Sie waren bleibende Erinnerungen überden Tod hinaus, denen später häufig Vermerke von Hochzeits- undSterbedaten hinzugefügt wurden. Gleich einem Erinnerungsfoto,welches erst ab der Mitte des 19. Jahrhunderts seinen Siegeszugantrat, wurden diese Widmungen als persönliches Andenken aufbe-wahrt.

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