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Denk an mich! : Stammbücher und Poesiealben aus zwei Jahrhunderten ; [im Österreichischen Museum für Volkskunde ; Katalog zur Ausstellung ..., 5. Mai bis 22. November 2015]
Entstehung
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Ewiges Andenken-

Vom Stammbuch zum Poesiealbum

Einer Phase der Stagnation in der künstlerischen Entfaltung derStammbücher nach dem Dreißigjährigen Krieg( 1618-1648) folgteim 18. Jahrhundert eine neuerliche Belebung und Kultivierung desSammelmediums. Dabei setzte ein tiefgreifender Wandel in derBesitzergruppe, der Ausstattung der Bücher sowie in den Illustratio-nen und Beigaben ein. Im Zeitalter der Empfindsamkeit- wobei indiesem Zusammenhang vor allem die zweite Hälfte des Jahrhundertsgemeint ist- suchte das sich emanzipierende, aber politisch wiegesellschaftlich einflusslose Bürgertum in der gefühlsbetonten Verin-nerlichung seinen Rückzugsort. Gefühlsschwärmerei und Seelen-freundschaft entwickelten sich zu einem neuen Ideal und warengleichzeitig Möglichkeiten, die fehlende Zärtlichkeit der strengen,patriarchalischen Struktur innerhalb der Familien zu kompensieren.'Die aufkeimende Naturbegeisterung und die Hingabe zur deutschenDichtung wurden in Freundeskreisen gepflegt und gaben Impulsefür die Stammbucheinträge über die Epoche hinaus.

Nach 1815 begann das aufstrebende Wirtschafts- und Bildungs-bürgertum, das weiterhin von den Staatsgeschäften fern gehaltenwurde, seine Flucht ins familiäre Privatleben und schuf sich dort einescheinbare Idylle in schlichter Genügsamkeit. Die Pflege der Stamm-bücher, die bereits im ausklingenden 18. Jahrhundert verstärkt inweibliche Hand übergegangen war, wurde nun eine Domäne derFrauen.

Die schwärmerische Liebe und die Beteuerung inniger Freundschaftwurden in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zum zentralenThema erwählt und fanden in den Blättern der Alben reichen Nieder-schlag. Die Pflege der Freundschaft galt als oberste Tugend. DasStammbuch selbst wurde als Denkmal der Freundschaft" betitelt und

1 Krüger, 1972, S. 93-94

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