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Messerscharf : Reflexionen über einen Alltagsgegenstand ; [Österreichischer Museum für Volkskunde, 31. August 2003 bis 31. Jänner 2004]
Entstehung
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WIE DAS MESSER SEINE SPITZE VERLOR...BETRACHTUNGEN ZUM THEMA BESTECK

Kathrin Pallestrang

Das Wort" Messer" löst verschiedenste Assoziationen aus. Messer sind einerseits selbstverständlicheGebrauchsgegenstände, die von uns allen tagtäglich verwendet werden, sie sind nützlich und vertraut.Andererseits üben sie eine eigentümliche Faszination aus, die über ihren Funktionswert hinausgeht.Der kalte Stahl der Klingen löst Emotionen aus; Messer sind spitz, scharf und gefährlich, mit Tabusbehaftet und deswegen anziehend." Messer, Schere, Gabel, Licht sind für kleine Kinder nicht", heisstes in einem Kinderreim. Nicht nur für Kinder, auch für Erwachsene gelten zahlreiche Vorschriften fürden Messergebrauch. Möglicherweise ist es gerade diese Zweischneidigkeit des Gewöhnlichen unddes Verbotenen, die Messer so interessant erscheinen lässt.

Zu allen Zeiten und in allen Kulturen wurden und werden Messer in den verschiedensten Variationenverwendet. So wird das Messer in der Literatur immer wieder als das älteste Werkzeug überhauptbezeichnet. Messer sind vielseitig einsetzbar, unabdingbar für bestimmte Tätigkeiten und überlebens-wichtig. Sie dienen zuallererst zum Schneiden, dann aber auch zum Stechen und Aufspießen. Je nachAufgabe werden Messer unterschiedlich ausgeführt- breit oder spitz, gerade oder geschwungen-,oder es werden Allzweckmesser geeignet für verschiedenste Arbeiten eingesetzt. Messer finden in derLandwirtschaft Verwendung und in Handwerks- und anderen Berufen- etwa in der Medizin-, immerdort, wo etwas ab- oder aufzuschneiden ist; auch Scheren, die als wichtige Schneidegeräte in denSinn kommen, bestehen aus zwei gekreuzten Messern. Große Relevanz haben Messer im Bereich derSpeisenbereitung und ihrem Verzehr. Sie sind nötig zum Schlachten und bei der Jagd, zum Töten undZerlegen von Tieren und zum Zerteilen des Fleisches sowie von anderen Nahrungsmitteln vor, bei undnach der Zubereitung. Manche Messer, wie Kampf- oder Jagdmesser, sind dezidierte Waffen, aberprinzipiell kann jedes Messer besser als viele andere Gegenstände als Waffe verwendet werden.Gleichzeitig ist es alltäglich, in jedem Haushalt zu finden und daher auch schnell bei der Hand, wasder statistisch hohe Anteil von Messern als Tatwaffen bei Gewaltverbrechen zeigt. Verbote und Tabusrund um das Messer sind also durchaus rational erklärbar, in Wirklichkeit aber emotional begründet.Der folgende Blick in die Geschichte der europäischen Messerherstellung und-verwendung, insbeson-dere der Tischkultur soll helfen, der Ambivalenz auf die Spur zu kommen.

DIE PRÄHISTORIE

Bei Ausgrabungen auf der ganzen Welt wurden unterschiedliche prähistorische Messer aus Feuersteinund Obsidian gefunden, obwohl diese Materialien nicht überall vorkommen. Schon damals existiertenHerstellungszentren, die mit ihren Produkten weiträumig handelten. Die Messergriffe waren oftmals inForm einer dünnen, runden Angel ausgebildet, die mit Gras, Holz, Horn oder Knochen verstärktwurde. In der Bronzezeit stellte man die Griffe in ähnlicher Weise her; die Angel war dünn oder plattund mit sogenannten Schalen aus verschiedensten Werkstoffen umhüllt beziehungsweise belegt. Griffund Klinge wurden außerdem aus einem Stück gegossen oder mit einer Tülle verbunden. Daneben

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