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Messerscharf : Reflexionen über einen Alltagsgegenstand ; [Österreichischer Museum für Volkskunde, 31. August 2003 bis 31. Jänner 2004]
Entstehung
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MESSER- EIN GEBRAUCHSGEGENSTAND ALS SAMMELOBJEKT

Franz Grieshofer

Es gehört zu den merkwürdigen Phänomenen menschlicher Kultur, dass man erst dann über einenGegenstand nachzudenken beginnt, wenn dieser zum Sammelobjekt wurde. Im alltäglichen Gebrauchfindet seine Existenz kaum Beachtung. Es gehört weiters zu den Selbstverständlichkeiten auf der Welt,dass ein Ding, wenn es abgenützt oder kaputt gegangen ist, durch ein neues ersetzt und das alte, soes nicht einem anderen Zweck zugeführt wird, beiseite gelegt oder entsorgt wird. Das Moderne trittan die Stelle des Überholten. Das Vergangene entschwindet dem Gedächtnis. Beim Sammeln und Auf-bewahren hingegen wird das Abgelegte wieder in das Bewusstsein zurückgeholt. Das nutzlos Ge-wordene bekommt eine historische Bedeutung zugewiesen. Das Sichtbare gewinnt das Unsichtbarezurück.

Auch wenn vom Sammeltrieb gesprochen wird, folgt der Mensch beim Sammeln nicht einem ange-borenen Instinkt, sondern speziellen Interessen. Diese können von der ästhetischen Befriedigung, vonder persönlichen Genugtuung über den raren Besitz, von der gezielten Wertanlage bis zur Steigerungvon Macht und Prestige reichen. Das Sammeln hat aber auch die Bewahrung von Kulturgut und denwissenschaftlichen Erkenntnisgewinn zum Ziel. Das institutionelle Sammeln unterscheidet sich dabeisehr wesentlich vom privaten Sammeln. Ersteres zeichnet sich dadurch aus, dass es auf Dauer angelegtist und dass die Sammlung der Öffentlichkeit in Form von Ausstellungen oder Studiensammlungen zu-gänglich bleibt. Das institutionelle Sammeln ist weitgehend den Museen vorbehalten.

Zwischen dem privaten Sammeln und den Museen gibt es freilich enge Verflechtungen, da viele Privat-sammlungen als Ganzes oder zum Teil von den Museen im Wege von Ankäufen oder im Zuge vonAuktionen erworben werden konnten. Und noch eine zweite Parallele lässt sich konstatieren: DasSammeln unterliegt konjunkturellen Moden.

Das trifft insbesondere auf die Messersammlungen zu. Zwar findet man bereits in den Inventaren derfürstlichen Kunst- und Wunderkammern der Renaissance Messer und Bestecke verzeichnet. Bevorzugtwaren außergewöhnliche Einzelstücke mit kostbaren Griffen aus Gold, Bergkristall, Bernstein, Elfen-bein oder Perlmutter. Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts, mit dem verstärkten Interesse an Geschichte,avancierten Messer, Löffel und Gabeln zu wichtigen kulturhistorischen Zeugnissen der jeweiligenEpochen. Der stärkste Impuls zum Sammeln von Bestecken und Messern ging vom Kunstgewerbe aus.Nicht nur die im Gefolge der Weltausstellungen entstehenden Kunstgewerbemuseen, sondern auchviele der großen Sammler von Kunstgewerbe hatten ihre" Besteckabteilung". Beispielhaft sei hier nurder Name von Albert Figdor( 1843- 1927) genannt, der zu seiner Zeit zu den größten SammlernEuropas zählte. In seiner einzigartigen Sammlung, die nach seinem Tode von Wien aus leider in alleWelt zerstreut wurde, befand sich auch eine bedeutende Kollektion an Messern, Löffeln und Gabelnspeziell aus dem Mittelalter und der Renaissance, die in den frühen 40er Jahren im Zuge einesExponatenaustausches mit dem Kunsthistorischen Museum in das Museum für angewandte Kunstgelangte. Als das Museum für angewandte Kunst 1990 seine Bestecksammlung in einer Sonderaus-stellung präsentierte, zeigte sich, dass annähernd die Hälfte der vorgestellten Objekte als Marken-

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