hier dargestellten( 70, 71) lassen sich als die Heiligen Katharina, Ursulaund Barbara identifizieren, sie stehen also als Wallfahrts- und Termin-patrone beisammen, wie in einem gotischen Flügelaltarschrein. Daß diegläubigen Benützer der Gebildgebäcke darüber ihre eigene Meinung gehabthaben mögen, ist aber auch gewiß 23.
Ähnlich steht es, um auf einige besonders bemerkenswerte Motive über-zugehen, auch bei den Spinnerinnen. An sich sehen sie( 15, 16, 17) wie gutangezogene Barockdamen aus, die eben am Spinnrad sitzen. Aber da manim Lebzelten solche Damen nie bei anderen' häuslichen Arbeiten zeigt, mußman sich schon anderes dabei gedacht haben. Vielleicht war der Gedankean die spinnenden Schicksalsfrauen nicht ganz erloschen 24, vielleichtschenkte man sich solche Gestalten zum Neuen Jahr. Ähnlich steht es jamit den Meerfräulein, den Jungfrauen Glossar ::: zum Glossareintrag Jungfrauen mit dem schuppigen Fischschwanz.Sie sind im Lebzeltenmodel nicht gar so selten 25. Für Cilli hat sich ein guterModel aus der Zeit um 1710 nachweisen lassen 26; unser ältester und größterist mit 1798 datiert, mutet aber, einer entsprechenden Vorlage nach, bedeu-tend altartiger an. Man kann bei ihnen( 31-33) an die verschiedenensagenhaften Meerfrauen denken, an die Sirenen und Melusinen. Aber mandarf nicht vergessen, daß die frühe Neuzeit solche Phantasiegeschöpfe nichtnur auf Lebzelten, sondern auch von vielen anderen halb und halb derVolkskunst angehörenden Gegenständen kannte. Was die weltliche Seite be-trifft, so gab es im alten Wien beispielsweise nicht weniger als fünf Häuserbzw. Wirtshäuser, die ,, Zum goldenen Meerfräulein" oder ähnlich hießen 27.Und auch auf geistlicher Seite ignorierte man diese Geschöpfe nicht ganz,sondern bezog sie in die eigene Welt mit ein. Da gab es beispielsweise unterden geistlichen Liederbüchern etwa ,, Sirenae Symphonicae"( Köln 1678),aber auch„ Keusche Meerfräwlein“( Würzburg 1649), kurz, der Betrachterkonnte durchaus selbst entscheiden, woran er beim Anblick dieser fisch-geschwänzten Meerfräulein denken wollte 28.
23 Hans Karlinger, Deutsche Volkskunst. Berlin 1938. Abb. S. 180.24 Karl von Spieß, Marksteine der Volkskunst. I. Bd.(= Jahrbuch fürhistorische Volkskunde, Bd. V/ VI). Berlin 1937. S. 40 ff. Rolf Wilh.Brednich, Volkserzählungen und Volksglaube von den SchicksalsfrauenFolklore Fellows Communications Nr. 193). Helsinki 1964. S. 205 ff.
25 Karl von Spieß, Marksteine der Volkskunst. II. Bd.(= Jahrbuch fürhistorische Volkskunde, Bd. VIII/ IX). Berlin 1942. S. 143 ff. Ein Model vonAnton Stadler, Hallein bei Fiala und Wagner, Volkskunst in Salzburg,Abb. 152/1.
26 Katalog der Steirischen Landesausstellung: Das Steirische Handwerk, Graz1970, Nr. 1033.
27 Gustav Gugitz, Bibliographie zur Geschichte und Stadtkunde vonWien. Bd. V, Wien 1962, S. 150.
28 Wilhelm Bäumker, Das katholische deutsche Kirchenlied in seinenSingweisen. Bd. IV, Freiburg 1911, S. 42, Nr. 85 und S. 45, Nr. 100.
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