DIE BILDERWELT DER ALTEN LEBZELTENMODEL
Die Lebzelten, welche aus den Modeln geformt wurden, trugen Bilderauf sich, ornamentale oder figurale Darstellungen 1. Wer sie erwarb, umsie zu verschenken und schließlich zu verzehren, erwarb ein Bildgebäck. Erkonnte sich auswählen, was er schenken und verzehren wollte, aber erkonnte nur aus dem Schatz aussuchen, den der Lebzelter im Laden oder anseinem Stand feilhielt. Der Lebzelter wieder bot an, was er hatte. Was seineLebzelterei schon seit längerem besaß oder was jeweils neu geschnitzt wor-den war. Das Gesetz von Angebot und Nachfrage galt hier wie überall.
Aber es war eben in einer Welt der Überlieferungen wirksam, und dasSpiel von Angebot und Nachfrage verlief nach den für diese Welt gelten-den Regeln. Die Lebzelter schufen seit dem Spätmittelalter für die Jahres-feste, für Weihnachten, für Fasching, für Ostern, und für so manche Heili-genfeste, mit denen vielfach die Kirchweihtage verbunden waren. Sie arbei-teten aber für die Feste des Lebens, für Geburt und Hochzeit vor allem,und für die Feste der Gemeinschaften, nicht zuletzt die der Zünfte. Undalle diese Gelegenheiten besaßen einen eigenen Bildschatz, kannten geläufigeVorbilder für alle weiteren Bildgestaltungen. Sie verfügten über den unge-heuer großen Schatz der graphischen Gestaltungen, einerseits in Form derAndachtsbilder, anderseits in der nicht minder wichtigen Form der Bilder-bogen, der Zunftbriefe und der Spielkarten.
Schon dieser Vorlagenschatz, der von den Modelstechern benützt wer-den mußte, weist auf die Gebundenheit dieser brauchmäßig angewandtenKunst hin. In den etwa fünf Jahrhunderten, innerhalb derer sich die Leb-zeltenformen beobachten lassen, sind also von den Herstellern wie von denVerbrauchern dieser Bildgebäcke im wesentlichen immer die gleichenMotive durchgespielt worden. Sie haben vielfach ihren inneren Gehalt bei-behalten, ihre äußere Form, im Rahmen der Hauptgegebenheit als Gebäck-model, den Zeitströmungen nach geändert. Von den Formen der Spätgotikführt der künstlerische Weg deutlich erkennbar über die Renaissance, überFrühbarock, über Hoch- und Spätbarock zum Rokoko, und noch weiterzum Klassizismus und zum Biedermeier. Im Nachbiedermeier, im mittleren19. Jahrhundert, hört die Herstellung von Lebzeltenmodeln ebenso auf wie
1 Albert Walzer, Liebeskutsche, Reitersmann, Nikolaus und Kinderbrin-ger. Konstanz und Stuttgart 1963. Mit Lit.
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