Vom Spazieren
großen Erholungs- und Vergnügungsareal ausgebaut. 1823wird der Volksgarten eröffnet, im Unterschied zum Burggartenstreng symmetrisch angelegt, nicht zuletzt um die Überwa-chung des Publikums zu erleichtern. Nicht einmal oder geradenicht im absichtslosen Spazieren waren die Wiener unbeob-achtet. Dafür genoss man die grandiose Aussicht von denBasteien, die die Stadt wie ein Schmuckstück einfassten.
Auch der breite Boulevard der Gründerzeit, der als Spa-zierareal die biedermeierliche Erlebnislandschaft ablösen soll-te, ging von der Idee panoramatischer Wahrnehmung aus.Statt verträumter Einblicke in schmale Gässchen sollten abernun die neuen Prachtbauten, Parkanlagen und VerkehrsströmeGegenstand der müßigen Anschauung werden. Selbst die demSpaziergang stets notwendigen Erfrischungs- und Vergnü-gungseinrichtungen hatten mit den neuen Hotels die Dimen-sion von Palästen und holten in ihrer Ausstattung den Glanzder große Welt ins Innere.
Allmählich verselbständigte sich die Dynamik der Groß-stadt gegenüber ihren genießerischen Betrachtern. Zuneh-mend verließen diese die Stadt und suchten an der Peripherienach unverbauten Freiräumen. Mitte des 20. Jahrhundertssetzte die Massenmotorisierung dem innerstädtischen Spa-ziergang ein Ende. Doch da zeigten sich am Horizont neue Kon-zepte einer Koexistenz von Geschwindigkeit und Muẞe. Wie inanderen europäischen Städten hing die Wiener Fußgängerzoneeng mit dem Bau von Hochleistungsverkehrsmitteln( U- Bahn)zusammen. Die Beschleunigung unter der Erde war also dieVoraussetzung für eine demonstrative„ Entschleunigung" aufden Straßenflächen.
Zu den Vordenkern autofreier Zonen in Wien zählten be-zeichnenderweise Erfinder der amerikanischen Shopping Mallswie Victor Gruen. Das legt eine Verwandtschaft nahe, die sichinzwischen bestätigt hat: Hier wie dort ist der ungestressteSpaziergänger der bessere Konsument. cr
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