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Nichts tun : vom Flanieren, Pausieren, Blaumachen und Müßiggehen ; [Begleitbuch und Katalog ; Sonderausstellung 9. Juni bis 5. November 2000]
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Zum Geleit

Zum Geleit

Margot Schindler

Rennt dem scheuen Glücke nach!

Freunde, rennt euch alt und schwach!

Ich nehm teil an eurer Müh:

Die Natur gebietet sie.

Ich, damit ich auch was tu,-Seh euch in dem Lehnstuhl zu.Gotthold Ephraim Lessing

Irgendwie scheint es paradox, das Nichtstun und denMüẞiggang mit einer Ausstellung zu feiern, deren Vorbereitungallen Beteiligten beträchtliche Arbeit bereitet. Doch Arbeit istnicht gleich Arbeit. Hier sprechen wir nicht vom Roboten undMalochen. Kulturarbeit ist privilegierte Arbeit. Das heißt je-doch nicht, dass sie frei von Mühe wäre, beileibe nicht. Folgenwir Aristoteles, so trifft dies auch auf die Muße zu. Für ihn er-fordert beides Anstrengung. Muße und Arbeit unterscheidensich bloẞ darin, ob sie in Freiheit oder unter Zwang vor sichgehen. Nur der freie Mensch hat Muẞe. Er muß frei sein alsBürger, aber auch frei von Ehrgeiz, Macht- und Gewinnstreben.Die Aufklärung brachte eine ähnliche Vorstellung von Freiheitund damit auch von frei disponibler Zeit. Freizeit wurde hierebenfalls als Zeit größtmöglicher individueller Freiheit defi-niert.

Die gesellschafts- und wirtschaftspolitische Entwicklungder westlichen Welt hat in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhun-derts einen neuen Menschentypus hervorgebracht: den ge-hetzten Arbeits- und den getriebenen Freizeitmenschen. Ineiner gespaltenen Persönlichkeit folgt er der Diktatur der Ge-schwindigkeit, dem Zwang zur Beschleunigung, zur Leistungs-steigerung in allen Lebenslagen. Arbeitshektik verbindet sichmit Freizeithektik und einer Art Zwang, ständig tätig, odermehr noch: geschäftig sein zu müssen. Die Grenzen dieser

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