Zur
Ausstellung
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Das Projekt der kleinen Freuden
Gertraud Liesenfeld, Klara Löffler,
Christian Rapp, Michael Weese
Wir alle träumen vom Nichtstun, von einem Leben ohneZeitdruck und Verpflichtungen. Allzu weit aber lassen wir unse-re Phantasien zumeist doch nicht schweifen. Denn: Eine ent-schiedene Haltung ist es, die die bürgerliche Gesellschaft vonuns verlangt. Alles hat zu seiner Zeit und am gegebenen Ort zugeschehen. In vorindustriellen Verhältnissen und in adeligenKulturen bildete das Arbeiten zusammen mit dem Feiern undNichtstun eine zeitliche und räumliche Einheit. Erst mit derEntwicklung der bürgerlichen Gesellschaft und dem Aufstiegdes Industriekapitalismus kam es zu einer rigiden Trennungund Hierarchie zwischen den Sphären: hier Arbeit als Lebens-zweck, dort Freizeit als Rest- und Regenerationszeit.
Es scheint, als sei die zusammengezogene WortformFreizeit eine allzu fest verschnürte Begriffsverpackung; Gleich-zeitigkeiten haben hierin kaum mehr Platz. Freizeiten aber, diewir meinen, erhoffen und erleben, sind mehrdimensional undmehrdeutig. Aktives Erleben ist ebenso gefragt wie passivesEntspannen. Dabei gehen die meisten sehr ökonomisch mitihrer freien Zeit um. Von einem Werteverfall der Arbeitsethikkann ebenso wenig die Rede sein wie von einer rein freizeitbe-zogenen, privatistisch- hedonistischen Lebenshaltung. Durch-gesetzt hat sich eine postindustrielle Arbeitsmoral. Die bis hin-ein in das 20. Jahrhundert geltende Maxime Man lebt, um zuarbeiten, hat sich umgekehrt: Man arbeitet, um zu leben. ImProzess fortschreitender( und dies meint nicht immer freiwilli-ger) Individualisierung ist es die subjektive und gegenwärtigeBefindlichkeit, die im Vordergrund steht.
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