Zur kulturwissenschaftlich- volkskundlichen Bruegel- Forschung
Ein Nachtrag
Von Klaus Beitl
Die bibliographische Aufarbeitung der kulturwissenschaftlich- volks-kundlichen Studien über das malerische Werk von Pieter Bruegel d.Ä. läßterkennen, daß seit der Forschungsübersicht, die Leopold Schmidt 1957 imNachhang zur Untersuchung des Kinderspielbildes von Jeannette Hills verfaßthat, 550 österreichischerseits kaum mehr nennenswerte Beiträge geleistet wor-den sind. Offensichtlich hat sich das volkskundliche Interesse, das sich in derNachfolge der im 20. Jahrhundert einsetzenden Bruegel- Renaissance beson-ders seit den zwanziger Jahren deutlich hervortgetreten ist, späterhin verlo-ren. Mit der von Leopold Schmidt erwähnten Wiener Kontroverse zwischendem Kunsthistoriker Fritz Novotny und dem Volkskundler Arthur Haberlandtund der eindringlichen Bildinterpretation des Gemäldes der„ Kinderspiele"von Pieter Bruegel d.Ä. durch Jeannette Hills in den fünfziger Jahren hat sichhierzulande der diesbezügliche wissenschaftliche Diskurs erschöpft.
Im weiteren Umfeld der deutschsprachigen Forschung hingegen ist als-bald Claus Kreuzberg mit seinen Deutungen einzelner Bildmotive des maleri-schen Werkes Pieter Bruegels d.Ä.- wie etwa der Seesturm- Allegorie551 undder Imker- Figur552- hervorgetreten. Vor allem aber ist das bilderbogenartigeMeisterwerk ,, Kampf des Karnevals gegen die Fasten", das im Vergleich zu denbeiden anderen vielfigurigen Gemälden Pieter Bruegels d.Ä. aus den Jahren1559/60- den ,, Niederländischen Sprichwörtern" und den„ Kinderspielen"-in der volkskundlichen Betrachtung zeitweilig zurückgetreten war, in einerFreiburger volkskundlichen Dissertation von Elke M. Schutt- Kehm553 und inder Untersuchung von Marianne Rumpf554 neuerlich thematisiert worden.Marianne Rumpf gelangt zu ihrer Bildinterpretation auf dem Weg über dasvolkskundliche, kulturwissenchaftliche und medizingeschichtliche Wissenvom Leben im Spätmittelalter. Elke M. Schutt- Kehm wiederum hat ihre inter-pretierende Beschreibung der einzelnen Bildmotive, der„ Objektivationen"und ,, Subjektivationen" des flämischen Volkslebens im 16. Jahrhundert, inBeziehung gesetzt zu den kompositionellen, formalen und geistigen Wurzelnund zu den ikonographischen und literarisch- poetischen Traditionen diesesdargestellten Themas. Das Kunstwerk wird als Ausdruck der Gedankenweltdes Künstlers und seiner Zeit geistes- und kulturgeschichtlich gedeutet. Dane-ben geht die Autorin in einer einleitenden Übersicht auch auf die For-schungslage der volkskundlichen Erschließung der Werke von Pieter Bruegeld.Ä. ein. Speziell wird auf die Studie von Arthur Haberlandt Bezug genom-men, der 1933- wie übrigens René van Bastelaer 555 bereits ein Vierteljahr-hundert vor ihm- die Zuordnung dieses Gemäldes als Charakterbild einesJahresabschnittes( Sonntag Lätare) aus dem Zyklus der„ Monatsbilder" PieterBruegels d.Ä. vorgeschlagen hatte 556. Damit war ein Zugang zum Verständnis
92