agieren, so scheinbar problemlos schafft das die Phantasiedes Marktes. Unser Donald der Name des Prophetensetzt nicht nur auf den Bekanntheitsgrad seines berühmtenVetters( 1503–1566), sondern ruft geradezu zur Verge-meinschaftung auf- wußte bereits vor tausend Jahren, wassich in der Ethnohistorie erst in den letzten Jahren durch-zusetzen beginnt, daß Konsum und nation- building,Massenkultur und emblematisierte Folklore kein Wider-spruch sind und heute zusammengehören wie Pommesund Cola, Knautschbrötchen und Sesamkorn.„ Mein edler Freund, zu dieser Stund, da diese Zeil'n ausmeiner Feder fließen, erblickt ein liebenswertes Volk dasAntlitz dieser Welt: die Ostarrîchi, auch Österreicher gerngenannt. Dies Volk, so klug, so g'scheit, so g'schwind, daßes mir die Worte raubt, dies Volk wird wachsen, sprießenund gedeihen, ein Jahrtausend und noch mehr." Währenddie Historiker nicht müde werden, darüber zu diskutieren,ob denn vor 1945 schon einmal ernsthaft die Idee einesösterreichischen Volkes ohne wenn und aber vertreten wor-den wäre, nicht müde werden zu betonen, daß sich anno996 nicht mehr( und auch nicht weniger) ereignet hat alsdie mehr zufällige Nennung einiger Dörfer in einer Gegendnamens Ostarrichi, scheut Nostradonald wie dieOstarrichi- Bäcker auch vor keinem Chiliasmus zurück,sondern legt die Geburtsstunde des Volkes mit dem ominö-sen Datum fest.„ Die Zeit im Adlerfluge wird vergehen,und nach 1000 Jahr und einem Tag ein großes Fest wirdausgerichtet, dem holden Berg- und Talvolke zur Ehr."Der Zeichenfundus, mit dem solche Behauptung histori-sche Legitimität gewinnen soll, ist vielseitig und nichtohne Rätsel an den ikonographisch geschulten Leser. Daspringt zunächst einmal die verfremdete Miniatur des hl.Lukas ins Auge. Ein Tablett mit McDonald's- Menü inHänden haltend, hat er sich auf seinem Evangelistensesselbreit gemacht, zu Füßen den attributiven Stier.„ Esset undSparet“, läßt uns der Stier qua Spruchband wissen. Auchdas Siegel des„ Nostradonald- Prophet von Big MäcsGnaden", auf der Bulle gut sichtbar unten rechts ange-bracht, wartet mit einer subtilen heraldischen Raffinesseauf: Cola- Becher und Hamburger als Herrschaftsinsignien.Bei McDonald's lösen sich Raum und Zeit auf, rückt Ge-schichte ins vertraute Präsens. Kurz auch ist der Weg vonden Wiener innerstädtischen Filialen in die Schatzkammerder Hofburg.
In den Ornamentbändern des Rahmens, halb an ägyptischeFriese, halb an Flintstone- geschulte Zeichnerhand gemah-nend, sehen wir sie nun endlich- die glücklichen Ostar-rîchi bei ihrem Festgelage. Mit spitzen Mützen( jede einhalbes M) und mit Tüten, Bechern und Burgern reichbewehrt, haben sie es sich in Blattranken gemütlich ge-macht, in einem Gewirr, das mehr an den Stacheldraht
argentinischer Weideplätze als an Akanthus denken läßt:„ Dies Volk, so klug, so g'scheit, so g'schwind, daß es mirdie Worte raubt".
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getreu
Nostradonald räumt auf mit den österreichischen Selbst-zweifeln. Seine Prophezeiung bestätigt im Nachvollzug,was der öffentliche Diskurs längst als Dialektik öster-reichischer Eigenart erfaßt hat. Noch immer fühlen sichaktuellen Umfragen 14 zufolge die Österreicherdem Phäakenstereotyp- zuallererst als„ gesellig“( 85%),dann aber gleich als„ vorsichtig“( 81%) und„ fleißig"( 76%). Die schlauen österreichischen Phäaken„ werdentosend feiern, schmausen und genießen, an Speisen wirdreichlich aufgetischt, herrlich duftend, köstlich und ver-lockend"( Nostradonald), aber sie wissen auch, daß dieStier- Devise dafür sorgen wird, daß„ immer( dreht) amHerde sich der Spieß“( Schiller). Denn:„ So viel Schmausfür so winzig Geld, das ist ein köstlich Scherz, ha, ha!";„ dawerden Eure Geldbeutel sich vor Lachen auf ihre(!) dickenBäuche schlagen"( Nostradonald). Und wie steht es mitder Musik( 1984 als Selbstbild noch an dritter Stelle) imFestland Österreich? Gut, sagt Nostradonald, und wiratmen auf: ,, Ach welch Entzücken, Ihr werdet vor Freudewie Blitze zucken, ein fröhlich Liedchen auf den Lippen:, einfach guuuuuuuuuut!"".
Geschichte ist Folklore
Alles hat heute seine Kulturgeschichte, und wenn es keinehat, stehen genügend Zutaten zur Verfügung, eine neueanzurichten. Das wissen auch die österreichischen Fran-chisenehmer von McDonald's und ihre Klientel. WenigeMonate nach dem Konsum- Debakel denken die Österrei-cher beim Stichwort Konsum nicht mehr an den rotenHandelsriesen, sondern an eine unendlich buntere Waren-welt. Sie denken auch nicht mehr an den wackeligen Tischaus knorriger Eiche, der im Werbefernsehen einem unge-schickten Österreicher aus dem Jahr 996 dauernd umkipptund seine Frau für die farbenfrohen Möbel eines öster-reichischen Wohnausstatters schwärmen läßt. Sie denkeneuropäisch, international und modern( auch wenn sie wieweiland Fred Feuerstein auf den Tisch klopfen), aber siewollen eine heimische Note. Das Möbelhaus weiß das undMcDonald's weiß das auch. Sie wollen in ihrer eigenenSprache, die immer weniger die deutsche sein soll, bedientund umworben werden. Sie mögen nämlich Erdäpfelsalat,Paradeiser und Fisolen, und sie sehen gerne einen Apo-strophen an Stelle eines schnöden„ e“. Da kommen Nostra-donalds„ Zeil'n" und seine„ g'schmackigen Menüs“ geraderecht.
Wenn soviel von der McDonaldisierung der Welt die Redeist, dann darf nicht übersehen werden, daß die konstatierteäußere Globalisierung von einer gleichzeitigen und nicht
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