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Post vom schönen Österreich : eine ethnographische Recherche zur Gegenwart
Entstehung
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Ethnographische Recherchen

Ein Sprung durch die Jahrzehnte- zugleich eine Art Einleitung

HERBERT NIKITSCH

1976

Österreich wird nächstes Jahr 1000 Jahre alt, sollten wiraus diesem Anlaß nicht einmal die Bürger fragen, was sieunter dem heutigen Österreich so alles verstehen?" Schoneinmal stand hierzulande ein Millennium auf der Tages-ordnung. Der- in den Augen der Historikerzunft im Ver-gleich zu heute vielleicht spektakulärere- Anlaß produ-zierte anno 1976 zwar keine landesweite Organisations-aktivität, doch immerhin rechtfertigte das geschichtlicheFaktum der Belehnung der Babenberger mit dem Landzwischen Enns und Traisen nicht nur beachtliche wissen-schaftliche und materielle Investitionen der Niederöster-reichischen Landesregierung in eine Großausstellung',sondern induzierte über den regionalen Aspekt des histo-rischen Kernlandes hinaus eine breitangelegte literarischeReflexion über Ursprung, Entstehung und Eigenart Öster-reichs. Dabei war nicht nur der retrospektive Blick ge-fragt. Unter dem Titel Ein Volk gibt Auskunft" startetedamals das STERN- Magazin eine Aktion, die den füh-renden Politikern des Landes vom Bundeskanzler abwärtsaktuell( und originell) genug erschien, um sie per Ehren-schutz und finanzieller Dotation zu unterstützen. Die Bür-ger waren aufgefordert,, ihr Selbstverständnis vom moder-nen Österreich zu malen, zu fotografieren, zu modellieren,zu zeichnen, zu beschreiben, zu besingen, zu filmen, zuschnitzen oder in Objekten und Collagen auszudrücken.Das Echo war bemerkenswert: 12.000 originäre Einsen-dungen zwischen zwei Gramm und 200 Kilo Gewicht"fanden den Weg ins Wiener Künstlerhaus und ein nichtkleiner ausgewählter Teil davon in die dort organisierteAusstellung dieses erste( n) kulturelle( n) Massenversuch( s)unter Österreichs Amateuren". Die journalistische Son-dierung des Volksvermögens fand, wonach sie suchte, undinsgesamt bot sich der Jury ein stimmiges Österreich-Bild": Made in Austria", das in bilingualer Artikulationsich verstehende Motto der Sammlung, wie es ein durchsLandesrelief sich windender Stoffwurm am Titelcover ver-anschaulicht, ist sprechender Ausdruck eines nicht unlie-ben Fremd- wie Selbstbildes: Die öffentliche Auskunftder Österreicher ist selbstbewußt, selbstironisch, selbst-kritisch" ².

Ein einheitlicher Tenor( diesfalls nörglerisch- affirmativenGehalts) bei und trotz aller Heterogenität der individuel-len Einsendungen des einzelnen homo austriacus- diesmag dessen kollektive Verfassung spiegeln; ebenso freilichjenes sog. Bias, das strenges sozialwissenschaftliches Re-glement jeder Recherche verbietet. Und wo Repräsentati-vität der Untersuchung im Sinne stellvertretender Darstel-lung von Wirklichkeit gefordert und Verallgemeinerungzulassende Übereinstimmung von Grundgesamtheit unduntersuchter Teilmenge der Maßstab des Erfolges ist, er-hebt sich bald der Ruf nach richtiger Methodik in Zugang,Auswahl und Interpretation: Die' Heimat- Aktion' mitden Gemeinden gehört in einen Diskurs mit diesen rück-gebunden, moniert denn auch eine Eintragung im Be-sucherbuch der Ausstellung Schönes Österreich, derenTeil die in diesem Band dokumentierte Sammelaktion war.

1996

Der Ablauf dieser Recherche gehorchte tatsächlich kaumdem Kanon kontrollierter Befragungstechnik, wie er überdie Rezeption sozialwissenschaftlicher Anleitungsliteraturauch in die volkskundliche Forschungspraxis Eingang ge-nommen hat. Nichts von einem strukturierten Fragebo-gen, lediglich ein informelles Schreiben an die in denzuständigen Gemeindeämtern diensttuenden sehr geehr-ten Damen und Herren"- das freundliche Entgegenkom-men des Österreichischen Städtebundes" bzw. der Landes-verbände des Österreichischen Gemeindebundes ermög-lichte eine rasche und kostengünstige Zustellung-, indem diese über die Millenniumsausstellung im Öster-reichischen Museum für Volkskunde" informiert und mitder Bitte konfrontiert wurden, an dieser mit einem ge-meindespezifischen Beitrag teilzunehmen. Gefragt wurdenach einem, typischen Objekt, einem lokalen Symbol"und, charakteristischen Stück Heimat, das, so die prag-matische Einschränkung, keine rückzustellende Leihgabesein und die Dimension 30 x 30 x 30 cm nicht überschrei-ten sollte. Quantitativ gesehen brachte die potentiell quasials Vollerhebung angelegte Aktion, in deren Zuge alle2.351 österreichischen Gemeinden einschließlich der 15Städte mit eigenem Statut sowie der 175 Stadt- und 686

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