Zeichenkultur
Das Beispiel tangiert keinen Ansichtskartenblick- unddoch: Eine an sich geringfügige Erweiterung des KremserBauamtes wird gegenwärtig als städtischer Kulturkampfausgetragen. Dessen Inhalte mögen in einschlägigen De-batten bereits„ uralt“ sein, die zentrale Frage verliert den-noch nicht an Aktualität, geht es doch vor Ort um dieEntscheidung zwischen zeitgenössischen Bauformen oder- wie vom Architekturkritiker Walter Zschokke passendangemerkt- um dumpfes Beharren auf einem„ harmoni-schen" Stadtbild, geplant entweder von einem anerkanntenArchitekten oder von einem pensionierten Lokalmatador.¹²Daß in dieser Diskussion Paul Schultze- Naumburg ge-nannt wurde, aber die von ihm mitinitiierte Heimat-schutzbewegung¹³ fehlte, mag nicht nur Zufall sein. Sie istdem Namen nach weitestgehend aus der Öffentlichkeitverschwunden, in ihrer Hinterlassenschaft aber präsentgeblieben. Mit ihrer Motivsuche nach dem Alten undEigenen, mit ihrer definitorischen Recherche nach Muse-alisierbarem hat sie den Formenvorrat des Typischen fürdie Gegenwart geprägt. Man mag, so Walter Zschokkein der„ Presse" weiter, den konkreten Anlaß mit einemösterreichtypischen Stadt- Land- Konflikt erklären. DieseDiagnose ist nicht falsch, doch sollte das„ Land" nichtstillgesetzt verstanden werden. Denn flächendeckende Ur-banisierung läßt sich gerade auch in einer wenig bemerk-ten Übernahme städtischer Zeichenkultur beobachten, dieaber schnell zurück in rurale Bahnen gelenkt wurde.Ortsbildpflege( Nr. 105) ist hier zu nennen; den Dis-kussionen in Krems analoge Auseinandersetzungen wer-den längst in vielen Orten geführt. Stadt- und Ortsbildsamt Wahrzeichen aber, dafür genügt bereits ein ersteroberflächlicher Befund, gehören zum repräsentativen, zumgern abgebildeten und zum vielfach eingesandten Stolz derKommunen.
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Wahrzeichen und Stadtbilder sind heutzutage unbestritte-weil„ aussagekräftige Objekte“, die bei Besichtigungenals Sehenswürdigkeiten ebenso aufgesucht, wie sie vielfachfür Ansichtskarten und Miniaturen reproduziert werden.Der Umstand aber, daß sie den Weg zum verläẞlichenSignet gefunden haben, läßt leicht ihre selektive Genesevergessen. Eine hier angestrengte Zusammenschau ver-weist zunächst auf eine nahezu unbegrenzte, wenngleichvon klaren Prioritäten gekennzeichnete Vielfalt. Alsbesonders tauglich erweisen sich Bau- und Kunstwerke:städtische Rathäuser, spätgotische Kirchen, barocke Stifte,berühmte Flügelaltäre( Nr. 10), Burgen und Schlösser,Glocken- und Stadttürme. Und selbst Rauchstubenhäuserbeanspruchen, weil selten geworden, lokale Typik( Nr. 32).Daneben werden geschichtliche Ereignisse wie etwa einefrühe Besiedlung( Nr. 34) oder bedeutende Schlachten als
Anknüpfungspunkt benutzt. Auch spezifische Natur-schönheiten( Nr. 11) und charakteristische Hausbergebesitzen Sujet- Eignung, selbst seltene Steine( Nr. 64,139), Tiere( Nr. 103, 144), Pflanzen( Nr. 77) oderLandesprodukte( Nr. 31, 50, 69, 148, 158) stehen inerweiterter Auswahlpalette. Ein günstiges Klima mag alstypisch erkannt und beworben werden, ebenso einberühmter Sohn der Heimat( Nr. 58, 145) oder einFeriengast( Nr. 16), wenn er konkrete und somit auchreproduzierbare Spuren hinterlassen hat. GegenwärtigeBezüge sind selten und ihr Zitat verweist entweder auf dasFehlen von deklariert Unverwechselbarem oder auf vor-handene Alternativen. Manche Gemeinden und vor allemStädte haben ein Set zur spezifischen Auswahl( Nr. 129).Dieses beinhaltet auch nur mehr wenig eingesetzte oderbereits ersetzte Symbole( Nr. 118) und schließt eine origi-nellere, doch unsichere Repräsentation für den privatenAndenkenverkehr mit ein( Nr. 61). Materialität ist wieGeschichtlichkeit wichtig; doch bedeutender ist Ma-terialisierbarkeit. Selbst mündliche Sagen( Nr. 6, 152) undBräuche( Nr. 4, 47) mit ihren Erinnerungen an vergange-ne und wiedererweckte Besonderheiten demonstrierenlokale Typik. Doch gerade ihr Weg in eine Bild- undObjektkultur benennt die entscheidende Voraussetzung:Sie müssen in Form und Material erkenn- und reprodu-zierbar sein.
Heimatzeichen
in Serie
,, Ich würde sagen, das Original in Österreich binich"- Edwin Prantner, akademischer Keramiker undangewandter Künstler in Texing, Niederösterreich
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