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Post vom schönen Österreich : eine ethnographische Recherche zur Gegenwart
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Heimatsymbole der Gegenwart

Die Rezepturen des Eigenen und das Millennium der mittleren Ebene

BERNHARD TSCHOFEN

,, Was hat das Neuhofener Wappen mit dem Ostarrichi-Landbrot zu tun?" fragt ein Folder, der dieses Jahr in denösterreichischen Bäckereien Appetit auf Geschichte ma-chen will. Die Antwort gibt er selbst. Nur echt mit demNeuhofer Stadtwappen", teilt dann auch eine kleine mitdem Wappenschild versehene Vignette mit.

Geschichte ist eẞbar

Die Marginalie ist zu sprechend, um sie nicht noch längerzu Wort kommen zu lassen. Was kann mehr an die längstvergangene, Gründungszeit' erinnern als ein kulinarischerGenuß?- Deshalb begehen die Österreicher ihr Millenni-ums- Fest mit einem Millenniums- Brot!(...) Neuhofen ander Ybbs, in Niederösterreich, wird gern als die, WiegeÖsterreichs' bezeichnet. Immerhin wurden in der berühm-ten, Ostarrichi- Urkunde', 996, Neuhofen und Österreichin einem Atemzug erstmals urkundlich erwähnt. 1000Jahre später ist der Neuhofener Landstrich, Geburtsstättedes Ostarrichi- Brotes: In Form von rohen Zutaten' wirddas Ostarrichi- Landbrot seit 1. Jänner 1996 in ganzÖster-reich vertrieben. Die Rezeptur dafür stammt vom tradi-tionsbewußten, aus der Neuhofener Umgebung stammen-den, Bäcker Grabner."

Die Beispiele ließen sich mehren, um Ostarrichi- Brot und-Bier, um Ostarrichi- Most,-Käse,-Schnaps und anderes

mehr.' So sehr die Endprodukte vorgeben, etwas ganz Be-sonderes zu sein, so sehr ähneln sich die Ingredienzien. DieSprache, mit der Wein und Brot, Braten und gebrannteWasser auf den Markt geschickt werden, kommt nicht ausohne die Adverben und Adjektive, die auch das, OstarrichiLandbrot zu begleiten haben: ursprünglich, natürlich,roh, kräftig- würzig.

Wo gefeiert wird, wird auch gegessen, wo Jubiläen zubegehen sind und wo es zu repräsentieren gilt, werdenneue Rezepturen erprobt- Rezepturen für das Unverwech-selbare, Typische und Eigene, Rezepturen für konsumier-bare Geschichte. Den Kochlöffel und-besen schwingennicht nur die Bäcker, Köche und Konditoren, sonderngenauso die Gemeindepolitiker und-chronisten, die Re-gionalplaner und Tourismuswerber. Sie erzählen Geschich-ten, sie ordnen und verpacken, sie deuten das Vergangenein die Gegenwart hinein und umgekehrt.Allüberall werden Leitbilder erstellt( und kommentiert),Leitbilder, die erklärtermaßen auf Lebensqualität zielen,auf erlebbare Werte und konsumierbare Offerte. Der Bür-germeister, der im Editorial des Gemeindeblattes seinenMitbürgern von der Erlebnisgesellschaft' erzählt, ist keinEinzelfall mehr. Dementsprechend moniert dann auch dieSchaltstelle des in Nöte geratenen Österreich- Tourismus,,, daß viele österreichische Hoteliers(...) dem Faktor

,, Und es geht sich halt so zirka aus.Gelebt haben wir im Prinzip von denGemeindewappen."

Wachsschmelzöfen:

Ich würde Österreich gerne abdecken."

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