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Post vom schönen Österreich : eine ethnographische Recherche zur Gegenwart
Entstehung
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Der, Hügel der Heimat"

Ein Blick auf die Repräsentationskultur österreichischer Städte und Gemeinden

REINHARD JOHLER

In der Mitte des Jahres 1933 zirkulierte durch ÖsterreichsZeitungen ein Vorschlag des Alt- Wiener Bundes. Seinum die Weckung des Österreichertums" verdienstvollwirkender Präsident J. Putschin hatte einen Vorschlag prä-sentiert, der mangelndes nationales Denkmalgut zumThema machte und die Referenzlandschaft der( Vor-) Alpenals kollektiv- heimatliche Aufbauleistung in die Großstadtzitierte:

Ein, Hügel der Heimat' soll in der BundeshauptstadtWien aufgebaut werden aus Erde, zusammengetragen ausallen Dörfern, Gemeinden, Märkten, Städten, aus Äckern,Wiesen, Wäldern, Bauerngehöften, Gärten, historischenPlätzen von ganz Österreich. Jeder Groß- und Kleinbauer,jeder Grundbesitzer und Kleinhäusler, jeder Schrebergärtner und Siedler, jeder Städter mit Garten, und wenn er ihnauch bloß auf dem Gesims seines Mansardenfensters hätte,wird eingeladen, eine Handvoll gesegneter Heimaterdebeizutragen für den, Hügel der Heimat!""

Was im Umfeld der nationalsozialistischen Machtergrei-fung in Deutschland und der Findung des österreichi-schen Wesens" als nationale Heimat- Schaffung gedachtund mit Feuersymbolik, Erinnerungskultur, Helden-ehrung und Verfassungseiden begangen werden sollte,blieb Idee eine Idee, die bei Denkmälern bereits tradiertwar, denn zu deren Errichtung wurden wiederholt lokalrepräsentative Materialien verwendet. Doch der Vorschlagverdient trotzdem weitere Beachtung. Die zeitgenössischpopuläre Erdmetaphorik nutzend, sollte für den Hügelder Heimat" zusammengetragen werden, was in derHerkunft different und erst in der Zusammenfügung ineinem, hochaufgeschütteten Symbol" Einheit zu stiften imStande war. Dieses erdige Einheit- in- der- Vielfalt-Repertoire zog sich- wie schon die Vereinsbezeichnung,, Alt- Wiener Bund" zeigt auf vormoderne Formenzurück, die zum vereinseigenen Österreich- Programmerhoben wurden: Zur Wiener Messe" 1933 diente ein,, Tisch der Heimat" 2, der in gängiger Tableau- Präsentationdas Typische und das Unterscheidbare ausstellte. Und zweiJahre später präsentierte derselbe Bund ein Alt- Wiener-Kleid, das in Zukunft, unabhängig von jeder Mode, alstypische Wiener Volkstracht gelten soll." 3 Trotz verordne-

ter Intention und reichem Beifall mißlang auch diesesUnternehmen. Denn die auf Differenz setzende WienerTracht ahmte Biedermeier und Landestrachten nach undstieß zudem auf die spitzzüngige Konkurrenz andererHeimatagenturen. Die prominent besetzte Österreichi-sche Heimatgesellschaft etwa stellte in ihrer Zeitschrift Heimatland" die Schöpfung an den Pranger.

Die angezeigte Heimat- Konkurrenz wirkt bis heute wei-ter; die Argumente ordnen sich freilich an anderen Polenan: Echtes versus Kitschiges, Austauschbares versusTypisches, Traditionelles versus Modernes. Aber die bei-spielhaft skizzierte Vorgeschichte des Nicht- oder des Fast-Nicht- Realisierten illustriert die Charakteristik des Fol-genden. Denn die Repräsentation von Gemeinden undStädten folgt in der Summe einem erstaunlich vorgefertig-ten Stil und nutzt ein festgefügtes und kaum ergänzbaresRepertoire aus scheinbar autochthoner Produktion. Auchwenn inzwischen Hochglanzpapier und zuweilen sogarmodernes Design für Prospekt und Gemeindebuch zumEinsatz kommen, ist doch deren Vertriebsweg und derenZiel nicht der Kulturmarkt, sondern sie dienen Ehrungenoder Jubiläen und beinhalten Appelle an Gemeinsam-keiten. Derart verkörpern sie Erinnerungskultur nichteiner hohen nationalstaatlichen, sondern einer lokalen,einer niederen Mythologie". Als solche halten sie für dieGegenwart bedeutsame Geschichten bereit, die unterhalbdes hierarchisch Offiziellen und Sanktionierten liegen unddie nach der Repräsentationsebene der Länder eine dritteDimension einführen. Deren Medien haben einen anderen,einen dekorativen und formfesten Charakter, ihre Logo-Kultur kennt ein buntes, aber altertümliches outfit. Sieerneut in einem während der Ausstellung Schönes Öster-reich" aufgebauten Hügel der Heimat zusammenzubrin-gen, legt Ähnlichkeiten offen, obwohl die Repräsentationder lokalen coporate identity bewußt auf Differenzen setzt.Lokales Bewußtsein ist nicht allzu positiv besetzt undSkeptiker- wie die hier exemplarisch zitierte HeideSchmidt riechen schnell den bekannten Muff der viel-fachen Begrenztheiten: Das Dorfdenken- das ist nichtmeine Welt".