Wenn Commenda die ,, Wesenszüge der Stadt" erhebt, fragter nicht nur gängigem bunten Fachkanon entlang nachTrachten, Ortsbräuchen und Scherznamen, nach Rechts-denkmälern, ortsüblichen Speisen, Heiligen und Wall-fahrten, sondern auch nach kommunalen„ Hauptmerk-malen" und„, Wahrzeichen“- und erhält trotz vorgreifen-den Suggerierungen nicht nur die eigenen Klischees zurAntwort. Für Hermagor etwa offeriert der den Fragebogenbearbeitende Lehrer aus der dortigen Knabenhauptschule„ Die Blume Wulfenia am Gartnerkogel( Wulfenia carinth-iaca)" und damit dasselbe Gewächs, das vierzig Jahre spä-ter als patiniertes schmiedeeisernes Andenken seinen Wegaus der„, Wulfeniastadt“( Nr. 77) in die Ausstellung gefun-den hat. Und wenn das Eisenerzer Charakteristikum vom,, Schichtturm"- der„ den Bergleuten früher Schichtanfangund Ende angesagt“ hat und dessen Glocke„ derzeit imMuseum" aufbewahrt wird- zur„ Erzhaue, stark angero-stet" mutiert und so weiter in tiefere Zeitenschichten sinkt( Nr. 117), wenn das Stift Klosterneuburg seine Wahr-zeichenfunktion an eine„ Miniatur im Maßstab ca. 1: 4" desin ihm aufbewahrten Herrscherkleinods abgeben muß( Nr.151) oder statt des bereits im Zweiten Weltkrieg zerstör-ten ,, Kilianbrunnens" nunmehr eine Vase mit Stadtwappennebst Material der Tourismusbranche die Stadt Amstettenvertritt( Nr. 141), zeigt diese Wandlung der kommunalenRepräsentationsformen zugleich einen Wechsel ihrer Ver-waltung und deren Delegation ans Kollektiv an.
1896
Mit dem 2. Jahrgang der 1895 gegründeten„ Zeitschriftfür österreichische Volkskunde“ wurde eine eigene Rubrikunter der Bezeichnung„ Sprechsaal" eingeführt. Der Titelerläuterte, was die Intention der Herausgeber war:„ Indieser Rubrik finden Umfragen der Mitglieder und Mitar-beiter über volkskundliche Dinge und deren Beantwor-tung aus dem Kreise unserer Mitglieder jederzeit Platz.Diesbezügliche Einsendungen sind an die Redaction zuadressieren." In den folgenden Heften wurde eine Vielzahlvon Aufrufen, Fragebögen und Anleitungen zu Samm-lungsaktivitäten veröffentlicht. Deren Palette war höchstbunt und reichte von der Aufzeichnung von Volks- undNachtwächterliedern über„ die photographische Auf-nahme sogenannter' Marterln' zur sommerlichen Reise-zeit" und Berichten über„ ein alterthümliches Signalgeräthder Köhler", die„ Hillebille“, bis hin zu Mitteilungen überGestalt und Verwendung der„ Todtenbretter“. In einemFall war man besonders erfolgreich:„ Aus der Bukowinaerhielten wir durch die Güte des Herrn Frh. v. Hohen-bruck Kenntnis von 78 Gemeindesiegeln mit bildlichenDarstellungen, so 5 mit Hausabbildungen, 12 mit Thier-figuren, 4 mit Emblemen des Ackerbaues, 4 mit Men-
schenfiguren, 2 mit Bäumen, 4 mit Sternen, 1 mit Frucht,1 mit Brief u.s.w. Wir bitten nun um freundliche Ein-sendung von diesbezüglichen Bemerkungen( womöglichmit gutem Abdruck) über ähnliche Gemeindesiegel ausallen österreichischen Ländern, wobei wir auf die Mit-theilung der örtlichen Tradition bezüglich der Deutungjener Siegeldarstellungen besonderes Gewicht legen.Unsere Mitglieder würden durch gefällige Nachrichtendarüber gemeinsam zur Aufhellung eines gewiß interes-santen volkskundlichen Problems beitragen.'" 17 Die Ant-wort auf diesen Appell ließ nicht lange auf sich warten.Noch im gleichen Jahrgang konnte Wilhelm Hein eineReihe weiterer Siegelabdrucke aus der Bukowina den Le-sern vorführen, und zwei Jahre später erläuterte HeinrichMoses aus Pottschach Einschlägiges aus seiner unmittel-baren Heimatregion. Unter anderem waren hier auchWappen und Siegel von Neunkirchen vertreten, in ihrenDarstellungen an„ jene 9 Kirchen“ erinnernd,„ die derSage nach einst im Weichbilde des Marktes bestandenhaben sollen". Ihre Emblematik ziert auch hundert Jahrespäter Wachsmedaillon und Informationsbroschüre jener,, romantische( n), verträumte( n) Stadt“, deren„ Uhren etwaslangsamer schlagen als anderswo", die gleichwohl an denAnforderungen der modernen Zeit(...) nicht vorbei-gegangen“ ist( Nr. 17)- und die„ durch gefällige Nach-richt“ dieser ihrer Selbsteinschätzung an die Betreibereines anderen ethnographischen Unternehmens„ zur Auf-hellung eines gewiß interessanten volkskundlichenProblems" beitragen sollte: Daß wir nicht etwa am„ Endeder Geschichte", sondern an ihrem ewigen Recycling ange-kommen sind.18
1 1000 Jahre Babenberger in Österreich. NiederösterreichischeJubiläumsausstellung in Stift Lilienfeld vom 15. 5.- 31. 10.1976(= Katalog des Niederösterreichischen Landesmuseums,N.F. 66). Wien 1976.
2 Peter Neuhauser, Wolf- Dieter Hugelmann( Hg.):Die Österreicher- Ein Volk gibt Auskunft. Wien 1976.3 Konrad Köstlin: Souvenir. Das kleine Geschenk alsGedächtnisstütze. In: Wolfgang Alber u.a.( Hg.): Übriges.Kopflose Beiträge zu einer volkskundlichen Anatomie.Utz Jeggle zum 22. Juni 1991. Tübingen 1991,S. 131-141, S. 140.
4 Bernhard Tschofen: Sach- Geschichten. Über Sammlungen unddie Kunst der Dingerzählung. In: Sachgeschichten. Aus denSammlungen des Österreichischen Museums für Volkskunde.Das jüngste Vierteljahrhundert 1969-1994(= Kataloge desÖsterreichischen Museums für Volkskunde 62). Wien 1994,S. 9-17.
5 Uli Marchsteiner( Red.): Werk'zeuge. Design des Elementaren(= Kataloge des OÖ. Landesmuseums N.F. 102). Weitra/ Linz1996.
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