DIE VOLKSKUNDE ALS GEISTESWISSENSCHAFT*)
Von Leopold Schmidt
Die Volkskunde als eine Geisteswissenschaft¹) ja als eine der Grund-disziplinen der Geisteswissenschaften überhaupt ist ihrem Wesen nachweithingehend völlig unbekannt 2). Außer romantischen, beziehungs-weise pseudoromantischen Vorstellungen, welche sehr stark von gänz-lich anderen Begriffen wie Volksbildung, Volkstumspflege usw., diealso in ihren Namen unserer Disziplin verwandt klingen³), mitge-schaffen werden, hat der größte Teil der Allgemeinheit überhaupt keineVorstellung von ihr. Dies gilt bis weit in die Bereiche der Wissenschafthinein, wo selbst die Vertreter verwandter Grunddisziplinen, besondersaber die Vertreter der geisteswissenschaftlichen Spezialfächer über dieVolkskunde falsch orientiert sind und ihr daher nicht die ihr zukom-mende Geltung zuzubilligen geneigt sind.
Dies hat seine Gründe nicht zuletzt in der Tatsache, daß die Volks-kunde auf weiten Strecken ihres Entwicklungganges stets selbst bemühtsein mußte, ihre Aufgaben, Ziele und Methoden für sich selbst klar-zustellen. Sie suchte trotz der an sich eindeutigen Bestimmtheit ihrerEigenart die längste Zeit nach einer klaren Definition ihres Wesens undnicht zuletzt einer allseits befriedigenden Bestimmung ihres For-schungsobjektes 4). Dabei war es zweifellos vielfach ihr Name, der ihrSchwierigkeiten machte, vielleicht auch noch weiterhin macht, und dersie auch weithin zur Politisierung trieb, und zwar das in einer Zeit, in derdas Wort ,, Volk" wie wenige andere täglich mißbraucht wurden. Schondie unter politischen Einflüssen, bzw. Selbstbeeinflussungen vor sichgehende steigende Betonung des Wortes„ Volk" in der Volkskundewar ein Teil des Irrweges, von dem die Volkskunde erst allmählich
*) Wiederabdruck aus: Mitteilungen der Österreichischen Gesellschaft fürAnthropologie, Ethnologie und Prähistorie( Anthropologische Gesellschaft in Wien1870, Wiener Prähistorische Gesellschaft 1914). Hg. von Josef Weninger,Wilhelm Koppers und Richard Pittioni; Schriftleiter: Franz Eppel.LXXIII.- LXXVII. Band, Wien 1947, S. 115-137.
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