Druckschrift 
3 (1917) Werke der Volkskunst : mit besonderer Berücksichtigung Österreichs. 3.
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 
  

21

von Österreich, im Jahre 1340' nicht dunckel abzunehmen, daß diese Gotts- förchtige Fürstinöffters nach dem Gottes- Haus zu Hietzing eine andächtige Wahlfahrt mit ihrer HertzoglichenHofstatt, absonderlich Zeit ihrer funffzehen- jährigen unfruchtbahren Ehe, um durch die Für-bitt Mariae von Gott einen Leibs- Erben zu erlangen; wie sie dann hernach vier Männlicheund zwey Weibliche erzeiget; verrichtet haben." Da die Stiftung der frommen Herzogin docheigentlich zu Ehren der hl. Brigitta gedacht ist, dürfen wir es wohl dahingestellt sein lassen,ob in so früher Zeit zu Hietzing schon eine Marien- Wallfahrt bestanden hat; sicher scheintnur, daß die Kirche bereits der Muttergottes geweiht war. Im übrigen wurde auch von Ristlder eigentliche Beginn des Wallfahrtsortes in das Jahr 1529 verlegt, in dem das in unseremBilde dargestellte Ereignis sich zugetragen haben soll2; auch richteten sich die Jubiläen derWallfahrt stets nach diesem Datum³. Wir dürfen den Bericht darüber also ohneweiters alsdie Gründungslegende der Wallfahrt bezeichnen. Wir bringen sie hier wörtlich aus demBüchlein Ristls von 17384, was sich um so mehr empfiehlt, als er ungefähr gleichzeitig mitdem in Rede stehenden Bilde ist:

,, Vor anderen demnach haben die mächtige Hülff, Schutz und Fürbitt Mariae zu Hietzingerfahren jene vier Männer, welcher da, als Solymannus der Christen Blutdurstig TürckischeKayser der Stadt Wienn eng belagerte, von denen Türcken gefangen und indessen, damit vondiesen noch mehr solcher Raub eylends eingejaget wurde, an dem nächst unseren Gottes- Hausstehenden Baum an Hals und Füssen mit eisenen Banden und Ketten vest angebunden worden.In dieser gegenwärtig- unvermeidlichen Gefahr entweder durch den Sabel das Leben zu ver-liehren, oder in die unerträgliche Sclaverey mitgeschleppet zu werden; von wem ware diesenunglückseeligen Christen eine Hülff zu hoffen? sie sahen sich allenthalben herum, sie seufftzten,und rufften: aber alles vergebens: es liesse sich niemand sehen, der die Hand könte anlegen,sie zur Freyheit zu bringen. Sie berathschlagten sich untereinander, und wurden eines; nemlichein vestes Vertrauen auf die allgemeine Hülff deren Christen, auf die Mutter der Barmhertzig-keit auf Mariam zu setzen, und sie anzuruffen, welche sich nicht lang bitten lassen. Es wareschon die finstere Nacht eingefallen. Nun sihe man! die Gefangene hatten gähling den Baumerleuchtet und das unter denen Asten und Blättern in höchster Eyl verborgene Mariae- Bild( um von dem Erb- Feind nicht verunehret zu werden; man kunte es auch nicht mehr weiterbringen) mit ungemein hellen Glantz umgeben gesehen. Sie hatten aber auch diese Trost undHülff volle Wort: Hits euch, hits euch, wiederhollt gehöret, welche von solcher Krafft, undWürckung gewesen, daß zugleich die eisene Band, und Ketten vom Hals und Füssen gefallen.Als sie nun die gewünschte Freyheit aus denen Banden erhalten, haben sie sich eylends mitfrohlockenden Gemüth davon gemachet; seynd auch nicht nur allein gantz sicher zu den ihrigennach Haus gelanget, sondern haben noch mehrer Sicherheit gesuchet und glücklich gefunden.So bald Solymannus wegen vom Carl dem Fünfften vorgekehrten äussersten Gegenwehr mit Ver-lust sechtzig tausend Mann Wienn und Österreich verlassen; seynd jene vier Gefangene undmit Ketten vorhin angefeßlete Männer unverweilet mit danckbahren Hertz und Mund nachHietzing gezogen: allwo sie ihre Hoffnung weit übersteigende Wohlthat angerühmet, unddaß es also geschehen seye, mit einem leiblichen Eyd bestättiget."

Man kann wohl keinen Augenblick daran zweifeln, daß es sich hier um eine der typischenGründungslegenden handelt, wie sie fast an jeden Wallfahrtsort sich knüpfen. Ja ein bestimmterZug der Erzählung, der im Berichte Ristls allerdings verwischt wird, zeigt sogar, daß dasVolk an dieses Ereignis die Gründung des Ortes Hietzing überhaupt anschloß. In der Mundartwird jener wundervolle Ruf Hits euch" nämlich Hiets eng" gesprochen und daraus leitetvolkstümliche Etymologie den Namen Hietzing ab. Auf den Ursprung der Sage näher ein-zugehen, ist hier nicht der Ort und würde vermutlich auch zu keinen positiven Resultaten

1 Vergl. Maximilian Fischer, Merkwürdige Schicksale des Stiftes und der Stadt Klosterneuburg. 1815. II.S. 368.

2 L. c. S. 203.

3 Ristl 1. c. S. 200, Paucker 1. c. S. 126.

4 L. c. S. 180.

> Vergl. Fr. Schweickhardt R. v. Sickingen, Darstellung des Erzherzogtums Österreich u. d. E. V. U. W. W.

II. 1831. S. 222, J. W. Nagl, Ortsnamen aus der Wiener Umgebung, Alt- Wien, I. 1891, S. 20.

4