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3 (1917) Werke der Volkskunst : mit besonderer Berücksichtigung Österreichs. 3.
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Alpenländische Bestecke und Messer von volkstüm-

licher Artung.

Von Prof. Dr. MICHAEL HABERLANDT.

( Mit Tafel I- VI und 3 Textabbildungen.)

Metallarbeiten haben mit der eigentlichen Volkskunst in der Regel keinenunmittelbaren Zusammenhang. Sie sind immer aus den Händen des Gewerbeshervorgegangen. Aber sie haben doch, zum Teil mit dem Leben des Volkeseng verwachsen, für seine Bedürfnisse bestimmt und in seinem Geschmackgearbeitet, in einigen Klassen so deutlichen volkskünstlerischen Charakter undeine so ausgeprägte volkstümliche Artung, daß sie ohne Bedenken als Werkeder Volkskunst anzusprechen sind.

Zu diesen Metallarbeiten gehören auch die volkstümlichen Bestecke undMesser, besonders in jener reichen und phantasievollen Entwicklung, welchesie in der alpenländischen Produktion und Lebenssitte erfahren haben.

Die Geschichte des Tischbestecks und seiner wesentlichen Bestandteile,Messer, Gabel und Löffel, besonders aber der verbreitetsten Gerätform, desMessers, hat zuletzt von Alfred v. Walcher eine sehr übersichtliche Dar-stellung erfahren. Es bestätigt sich auch bei diesem Gegenstand, daß das bäuer-liche Leben und die Volkskunst die frühen Formen und älteren Dekorations-stile, wie sie einst ganz allgemein auf höherem Lebensniveau der adeligenund bürgerlichen Welt gang und gäbe waren, mit zähem Konservativismusaufbewahrt und sie nur in Material und Kunstvermögen geringer gestaltet hat.Die Besteckform als solche, mit ihrer Vereinigung von Messer, Gabel, demStreicher und manchmal auch dem Löffel in einer Scheide, die Messer mitZierheft in Scheide oder Köcher, die Taschenfeitel mit Schmuckschale, dieFrauenmesser am Gürtel es sind lauter im volkstümlichen Leben bewahrtealte Formen des Tafelgerätes, und wie wir im einzelnen sehen werden, sindauch die älteren Zierweisen derselben an unseren volkstümlichen Stückenmannigfach haften geblieben. Nur sinkt die Vornehmheit des Materials: stattdes Elfenbeins oder des Bernsteins der kunstreich geschnitzten Besteckgriffeerscheint das volkstümliche Holz, statt Gold und Silber tritt Eisen und Mes-sing sowie das Zinn auf und auch die Ziertechniken vereinfachen sich, wiedie Ziermotive rustikaler werden und dem sonstigen Motivenschatz volkstüm-licher Auszier entnommen erscheinen. Auch die Kennzeichnung der Tisch-geräte als persönlicher Gebrauchsdinge durch Wappen, Namen oder Initialensetzt sich als volkstümlicher Zug mit Vorliebe fort, wobei sich das adeligeWappen gern in ein landläufiges Zunftzeichen oder Handwerksemblem( derSchlosser, Fuhrleute, Jäger, Fleischer usw.) umwandelt.

Überblicken wir die wichtigsten und häufigsten einschlägigen Typen, sohaben uns der Reihe nach zu beschäftigen: 1. Bestecke in Scheide. 2. Messerin Scheide oder Köcher. 3. Einschlag messer( Taschenfeitel). Alle diese Typenfinden sich nach Erzeugung und Gebrauch in den deutschen Alpenländern1 Vergl. des Verfassers ,, Österreichische Volkskunst", Textband S. 155 ff.

2 Alfred Ritter v. Walcher: Die Bestecksammlung im Schloß Steyr, Kunst und Kunsthandwerk, XV. Jahrg.1912, S. 1 ff.- Derselbe: Katalog der Bestecksammlung Franz Emmerich Graf Lamberg( Zur Geschichte desBesteckes).