52
Verlobung. Der Bessaner freit um sein Mädchen vier bis fünf Jahre lang, waszur Folge hat, daß man nicht sehr jung heiratet; die Mädchen werden oft 22 bis 28, dieMänner 30 bis 40 Jahre alt, bevor es zur Eheschließung kommt. Von dem Tage an, andem die Verlobung in der Kirche angekündigt worden ist, darf sich weder Braut nochBräutigam ohne Begleitung einer Kranzjungfer Glossar ::: zum Glossareintrag Kranzjungfer, beziehungsweise eines Kranzherrn sehenlassen, denn ein jeder, der sie ohne diese Begleitung trifft, hat das Recht, sie zu„ be-stehlen", das heißt in eine Schenke zu führen und sich von ihnen ein Gläschen Weinoder Schnaps zahlen zu lassen.
Am Sonntag vor der Hochzeit geben die Eltern der Braut bei sich zu Hause oderin einem Gasthaus ein offizielles Verlobungsmahl( entrailles). Am Tage vorher verteilendie Brautleute ihren Verwandten, Freunden und Nachbarn rote Bänder( livrea), derenLänge gewöhnlich 60 cm beträgt und deren Qualität je nach dem Grade der Verwandt-schaft oder Freundschaft sich richtet; der Geistliche erhält ein rotes Taschentuch. DieBeschenkten machen verschiedene kleine Gegengeschenke.
Am Tage des Verlobungsmahles begeben sich die Brautleute in Begleitung vonEltern, Verwandten, Kranzjungfern Glossar ::: zum Glossareintrag Kranzjungfern und Kranzherren in Sonntagstracht zur Kirche. ZumSchluß der Messe intoniert der Vorsänger ein naher Verwandter des Brautpaaresdie Hymne( languentibus), und so lange diese nicht zu Ende gesungen ist, darf niemand,der eine livrea erhalten hat, die Kirche verlassen.
-
Mittags findet ein feierliches Mahl statt, das auf Kosten des Bräutigams gegebenwird und an dem die beiden Familien mit Paten und Patinnen, Kranzherren und Kranz-jungfern Glossar ::: zum Glossareintrag jungfern teilnehmen.
Hochzeitsgeschenke, Hochzeitsfeier.
Einige Tage vor der Hochzeit begibt sich das Brautpaar in Begleitung der Braut-mutter nach Turin, um das Hochzeitsgeschmeide, bestehend aus einem goldenem Kreuz,einem Ring und Ohrgehängen, zu kaufen. Diese Schmucksachen, die in volkskünstlerischerHinsicht nichts Charakteristisches aufweisen, gelten, ebenso wie das Hochzeitskleid und dieHochzeitshaube der Braut, als obligates Geschenk des Bräutigams. Wer den erforderlichenBetrag nicht aufbringen kann, muß eben mit der Hochzeit warten.
Ehemals ging das junge Paar am Tage vor der Hochzeit in Begleitung zweierälteren Zeugen zur Kirche. Der Pfarrer fragte sie, ob sie mit der getroffenen Wahl zu-frieden seien und stellte dann vor den Bräutigam eine geweihte Platte, auf welche dieserje nach seinem Vermögen 5 bis 30 Francs legte.
Am Tage der Hochzeit selbst begeben sich die Kranzjungfern Glossar ::: zum Glossareintrag Kranzjungfern, bevor sie zumStandesamt gehen, ins Haus der Braut, um ihr einen Strauß weißer künstlicher Blumenzu überbringen.
Beim Verlassen des Standesamtes geben die Kameraden und Freunde des Bräutigamssowohl der Braut als auch dem Bräutigam ähnliche Sträuße und bekommen vom Bräutigamein Goldstück.
Man trinkt ein Gläschen Schnaps an einem im Hof des Gemeindeamtes aufgestelltenTisch und begibt sich dann zur Kirche. Zuerst geht die Braut mit ihrem Vater, einemBrautführer und einer Brautjungfer Glossar ::: zum Glossareintrag Brautjungfer( meistens Neffe und Nichte); Verwandte und Freundefolgen paarweise, zuletzt geht der Bräutigam mit seiner Mutter und einer Brautjungfer Glossar ::: zum Glossareintrag Brautjungfer.Alle verheirateten Frauen, mit Ausnahme derer, die in Trauer sind, tragen Braut-kleider; die jungen Mädchen setzen zu ihrem Sonntagsstaat die weiße Kommunionhaubeauf, die genau nach der Art der Hochzeitshaube, nur mit weniger kostbaren Spitzengemacht ist.
Nach der Trauung verlassen die Neuvermählten gemeinsam die Kirche, ihnen folgender Brautführer und die Brautjungfern Glossar ::: zum Glossareintrag Brautjungfern. Der Brautvater reicht der Mutter des Bräutigamsden Arm, der Vater des Bräutigams der Brautmutter, die Geschwister des Bräutigamsbilden Paare mit denen der Braut; zuletzt folgen die entfernteren Verwandten und Freundeder Neuvermählten,