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auf der anderen Seite aber auch bereits mehrfach Widerspruch erfahrenund berechtigte Bedenken wachgerufen.¹) Und in der Tat entspricht dieübrigens in ihrem Kern keineswegs neue Problemstellung Naumanns nachmeiner Überzeugung in keiner Weise der tatsächlichen Sachlage bezüglichder volkskundlichen Gegenstände. Die Frage nach der Herkunft und Ver-breitung des gesamten volkskundlichen Stoffes innerhalb der Gesamtheit einerBevölkerungsmasse ist gewiß eine belangreiche Aufgabe der Volkskunde, sieist aber nicht ihre wichtigste und schon gar nicht etwa ihre einzige, wie Nau-mann will. Die Erfassung aller Äußerungen und Erscheinungen des Volks-lebens in ihrer Erscheinungsgänze, in ihrer geographischen Verbreitung, ihrergeschichtlichen Tiefe und in ihren psychologischen Wurzeln bleibt wohl nachwie vor die Hauptaufgabe und das eigentliche Arbeitsziel der wissenschaft-lichen Volkskunde, und die neue« Forderung Naumanns kann im bestenFalle nur als ein heuristischer Wegweiser bei der geschichtlichen Analyse desvolkskundlichen Stoffes gewertet werden.
Vorweg aber muß gesagt werden, daß die beiden Begriffe der> primi-tiven Glossar ::: zum Glossareintrag tiven Gemeinschaftskultur und des gesunkenen Kulturgutes«< in vieler Hin-sicht anfechtbar und unhaltbar sind, zumal in ihrer Anwendung auf die Volks-kunde der mitteleuropäischen Bevölkerungen. Es ist eine ganz unzutreffende,lebens- und volksfremde Auffassung, in unserem Landvolk sozusagen eineHerde, ein Rudel« gleichorientierter Menschen zu sehen, wo jeder alles kannund alle das Gleiche leben, tun, fühlen und denken. Dem Volke fehlen auchin jenen Schichten, mit denen sich die Volkskunde vorzüglich befaßt, dieschaffenden, erfindenden und kulturell produktiven Individuen so wenig wieden höheren Bildungsklassen. Die individualistische Kulturschöpfung ist auchin jeder» Gemeinschaftskultur am Werke, nur ist sie hier fast gänzlich inden Schleier der Anonymität gehüllt. An der gemeinsamen Volkskultur, inwelcher übrigens ja auch das höhere Kulturgut ursprünglich seine Wurzelnhat und aus welcher es durch imdividualistische Leistungen emporsteigt,arbeiten alle im Volke je nach Vermögen und Anlaß, je nach Persönlichkeitund Einfluß mit. Die schöpferischen Akte und Neuerungen im Arbeitslebendes Volkes, die Erfinder und Entdecker im landwirtschaftlichen und Hand-werkerberuf, auch wer immer neue Formen in Brauchtum Glossar ::: zum Glossareintrag Brauchtum, Geselligkeit, inTanz oder Spiel ersonnen und aufgebracht hat sie bleiben fast immeranonym und treten aus der Masse der aufnehmenden unproduktiven Volks-genossen nirgends sichtbar hervor. Nur im Gebiete der geistigen Volksgüter,in der Volkskunst, der Volkspoesie tritt individualistisches Wirken erkennbarhervor, und es ist da eine der reizvollsten Aufgaben der Volkskunde, in jederSphäre der Volkskultur auf das Auftreten solcher im Volke mit Namen be-kannter schöpferischer Individuen zu achten.( Siehe meine Österr. Volkskunst,Textb., S. 5, ferner J. Blau, Böhmerwäldler Hausindustrie und Volkskunst, I,S. 243 ff.) Schon der Umstand, daß so viele unserer produktiven Köpfe( man
1) Eugen Fehrle: Badische Volkskunde, I. Teil, S. 72 ff.— Derselbein Mein Heimatland, II, Heft 2, S. 44.- Dr. Friedrich Lüers: Hefte fürbayrische Volkskunde, X, S. 49. Theodor Siebs: Mitteilungen derK. Reuschel:Anthrop. Gesell-
Schlesischen Gesellschaft für Volkskunde, XXIII, S. 120 f.Deutsche Volkskunde, II, S. 6 ff.- K. Spieß: Mitt. derschaft in Wien. LIV. Bd., S. 203.