höhere„ Gefühls“-Weise, ein„ Wissen", ein archetypisches„ Wis-sen", das aus einem metaphysischen Hintergrund herrührt: Hin-ter dem Sexus steht, auch beim Primitiven Glossar ::: zum Glossareintrag Primitiven, das Geistige, hinterder Materie das Seelische. 173) Dieses„ Wissen" ist allen gemein-sam, eint sie zugleich in diesem Augenblick der Darstellung, die,, vielen Zuschauer“ mit den Handelnden, jeder„ weiß“, was,, damit", mit dieser Vorstellung, diesem Brauch„ gemeint“ ist; esist eine Kollektivvorstellung. Es wird ein paradiesischer Urzu-stand hergestellt, der„ Idealzustand“ der Vollkommenheit undGanzheit des ersten Menschen“, das ursprüngliche Doppelwesen,die Einheit der Geschlechter. Damit soll das„ All- Eine“ der Zeitder Schöpfung wieder erstehen und erlangt werden, aus dieserWiederherstellung der Vervollkommnung, einer Regeneration,dessen Kraft, zum Zwecke der analogen Neu-( Nach-) Schöpfunggewonnen werden. Was tut der als Frau verkleidete Mann, vonden Blicken der vielen Zuschauer begleitet? Darüber wird nurdürftig berichtet. Es wird nur festgehalten, daß sich der Haupt-darsteller„ ungebührlich verhalten" habe. Das rückt das Ge-schlechtliche in den Vordergrund. Dies und der androgyne Zug,wie die Zeit, in der es sich abspielt, machen es doch sehr wahr-scheinlich, daß wir es hier mit einer Fruchtbarkeitsfeier zu tunhaben, mit einem Ritual, das die( Wieder-) Erweckung der Natur-kräfte, die Beförderung des Wachstums, die Sicherung der Ernäh-rungsgrundlage für Mensch und Tier für das eben angebrocheneJahr herbeiführen soll, es muß eine vegetativ- kultische Zeremo-nie gespielt worden sein, wie überall in Europa beim Anbruchdes Frühlings. Daß dieses Spiel gewissen, hergebrachten, in die-ser Form erwarteten, gleichsam„ offiziellen" Charakter trug,erzeigt sich aus der Angabe, daß es„ in Gegenwart vielerZuschauer" vorgeführt worden war. Dieses Spiel kann demnachkeineswegs improvisiert, weder nach Zeit, Ort noch Darstellung,also auch nicht ein einmaliges Ereignis gewesen sein. Es mußeine besondere Handlung vorgestellt worden sein, denn sonst hät-ten sich nicht so viele Zuschauer dazu gedrängt. Die Vielzahl derZuschauer weist eindeutig den„ Wert" dieser Vorführung ebensoaus wie die entsetzliche Schwere der„ Strafe“, die„ wenig später“den Hauptausführenden deswegen ereilte, wie die Behörde be-richtet: er büßte mit seinem Leben. Dieser androgyne Spielerkann daher nur ein( christliches) Sakrileg begangen haben. Daßer deswegen nicht sofort vom geistlichen und weltlichen Armbestraft worden war, liegt wohl darin, daß es sich um einen unter-sagten, aber( periodisch-) geübten Brauchtumsvorgang Glossar ::: zum Glossareintrag Brauchtumsvorgang gehandelt
34
173) Vgl. u. a. Winthuis, Zweigeschlechterwesen, Vorwort, S. VI.