Jahrgang 
81 (1978) / N.S. 32
Einzelbild herunterladen
 

Elisabeth von Witzleben, Bemalte Glasscheiben. Volkstüm-liches Leben auf Kabinett- und Bierscheiben. Groß-format, 218 Seiten, XXVI Farbtafeln, 330 Abb. München 1977, VerlagGeorg D. W. Callwey. DM 78,-.

Es ist schon erfreulich, wenn ein Abbildungswerk, das an sich dem Gebietder, Angewandten Kunst" angehört, in so hohem Maß volkskundlich verwendbarist. Die alte Glasscheibenkunst, ein Seitenzweig der hohen Glasmalerei des Mit-telalters und der Renaissance, hat eine sozusagen mehr private Seite gehabt. Woman es sich leisten konnte, hat man die als Lichteinlaß gedachten Fenster durchkleine ziervolle Scheiben farbig verschönt, mit Wappen" im weitesten Sinn, wievor allem die in reicher Fülle erhaltenen Schweizer Scheiben beweisen. Davonkonnte die Volkskunde bisher kaum Kenntnis nehmen, da eben auf weitenStrecken solche teure Scheiben nie vorhanden waren. Nur in Niederdeutschlandhaben sich die Fensterbierscheiben" als großbäuerliches Eigengut erhalten, undvon dort stammt auch die bisher einzige Darstellung des Gebietes, nämlich OttoLauffer, Niederdeutsches Bauernleben in Glasbildern der neueren Jahr-hunderte( Hort deutscher Volkskunde, Bd. 3) Berlin und Leipzig 1936. Undnur, wenn man sich für die Entwicklung vom Stifterbild zum Votivbild inter-essierte, stieß man in den letzten Jahren auf das aufschlußreiche Werk von R.Becksmann, Vitrea dedicata. Berlin 1975.

25

Hier nun sind alle Scheiben dieser Art, die sich gegenständlich aufschlüsselnlassen, gesammelt und abgebildet, und man wird sich des reichen Schatzesfreuen. Die Verfasserin bestimmt zunächst knapp Definition, Technik und Form,und wendet sich dann den Themen zu: von Tugenden und Lastern" bis zu denWildmännern" und den Narren. Den Kabinettscheiben der Schweiz und Ober-deutschlands werden eigene Kapitel gewidmet, ebenso den niederdeutschen Bier-scheiben. Blättert man den reichen schönen Bildteil durch, so wird man sichmanches Thema im eigenen Interesse notieren. Da ist etwa die Welt der bäuer-lichen Arbeit und ihres Gerätes: Randbeschlagener Spaten( 41), Pflug( 60,126,2878), manchmal mit dem Pflugreutel( 60), dann Eggen( XXIII), Säewanne( 58),Säeschurz( 166), Tragkraxen( 6), Bienenkörbe( 277,280), Weinkarren( VII),Weinwagen( 142), Käsereigeräte( 89, 122), Gebäckformen( 172), Grützmühle( 272), und hie und da eine Spanschachtel( 6). Handwerkerdarstellungen sindhäufig. Man erkennt den Töpfer mit den Dreifußgrapen( 20); man sieht denKessel an der Hal hängen( 22). Brauchtum Glossar ::: zum Glossareintrag  Brauchtum im engeren Sinn wird man nichthäufig finden; etwa einmal ein Kranzschießen( 266). Musik, Volksmusikinstru-mente sind häufiger. Daß ein Narr auf einem Dudelsack Geige zu spielen ver-sucht( 33) ist altfranzösische Komik. Aber sonst finden wir die Drehleier( 8),das Alphorn( 143), den Hirten mit dem Dudelsack( 150) und so manchenanderen Dudelsackspieler auch noch( 190). Kinderspiel kommt gelegentlich vor,besonders Steckenpferdreiter( 21,164). Zur Erzählung, zur mehr oder mindermündlich tradierten Literatur gehört manches Motiv: Äsopische Fabeln etwa( 107, 114), der Tellenschuẞ( X), das Einhorn( X), an Schwänken wie so oft derKampf um die Männerhose( 264), und dann die fast mythisch anmutendenMotive der Wilden Männer Glossar ::: zum Glossareintrag  Männer( 86, 127, 206), die Meerjungfrau Glossar ::: zum Glossareintrag  Meerjungfrau( 255) und das selt-same Hirschgespann( 250). Für volkssprachliche Interessenten wären die etwa25 Sprüche anzuführen, die meist nur knapp im Text erwähnt werden, undjedenfalls keine einschlägige Kommentierung erfahren haben.

Aber das ist auch fast zuviel verlangt. Man ist doch schon froh, daß einsolcher Schatz an altem Bildwerk auf diese Weise zugänglich gemacht erscheint,anständig mit Literaturnachweis und Register ausgestattet. Eine Bereicherungauch unseres Wissens also.Leopold Schmidt

68