Vielerlei Elemente müssen beachtet werden: Der Text mit der nicht geringen Anzahlvon Verschiedenheiten in den einzelnen Aufzeichnungen; der Darstellungsstil des,, Stubenspiels", den die ausgewanderten Oberuferer auch noch in den sechzigerJahren beim Fußfassen in der BRD weitertrugen. Es kam zu Aufführungen in Karls-ruhe, nicht aber zu einer geschlossenen Neuansiedlung als möglichem Boden zumBewahren und Weiterwachsen. Längst schon hatten die Anthroposophen imGefolge mythisierender und symbolisierender Gedanken eines Rudolf Steinerdiese Spiele aufgenommen. Sie führen sie alljährlich im Advent und zu Weihnachtenüberall in ihren Gemeinschaften auf. Dabei aber nehmen sie das ihnen liturgienaheErscheinende, vermeintlich ,, Archaische", in der Mehrzahl jedoch eher als Re- Pri-mitiviertes Glossar ::: zum Glossareintrag mitiviertes Anzusehende als immanent vorhandene und unverändert überlieferteSymbolik, die ,, bewußt" gemacht wird. Auf einer anderen Linie bewegt sich die vonDr. Reinhold Netolitzky geleitete ,, Morgenstern"-Bühne. Sie führte die Ober-uferer Spiele seit Jahrzehnten vorwiegend in Kirchen als eine Art volkstümlichgewordenes Liturgie- Mysteriendrama auf. So z. B. durch mehrere Jahre um1960-65 zu Cismar in Ost- Holstein. Neuerdings gaben das Paradeisspiel, von der,, Morgenstern"-Bühne sichtlich angeregt, Patres und Schüler des Benediktiner-Gymnasiums zu Rohr in Niederbayern( 18. und 19. November 1978, LeitungP. Gregor Zippel OSB; Mitwirkung des Ackermann- Chores Rosenheim, HelmutMichalek), mit Orgelmusik- Einleitung usw. Auch hier wollte man ,, Das Paradeis-spiel in seiner alten Gestalt“ geben. Im Begleitzettel heißt es schon ,, Der uralte Stildes Paradeisspiels". Man findet den Stil ,, überzeitlich“ und„ unabhängig von derFrage der, Modernität“. Aber man vergißt bei dieser vermeintlichen„, Rück-führung" dorthin, woher diese Spiele ,, im Mittelalter", wie man es öfter hört, ge-kommen seien, daß es sich dabei ja nicht nur um eine Raumverlagerung, sondern umeine Funktion und Wesen der uns genauer erst seit dem 17. Jh. bekannten Spiele,ihrer Texte, Liedweisen, ihres Darstellungsstiles Veränderndes handelt. Gleichwohlist dies selbstverständlich alles ,, erlaubt“ und möglich, soferne der Streit unter denheutigen, längst nicht mehr unreflektiert ein Brauchtum Glossar ::: zum Glossareintrag Brauchtum übenden Spielern nicht dassogenannte ,, Echtheits- Argument" ausspielt, das vermeintliche ,, Recht“ der einzigwahren Spieltradition beansprucht wird. Es gibt eben in der Gattung ,, Volksschau-spiel" so gut wie keine„, Urtexte“ und es gibt keine allein„ echte" Spielweise. Derständige Wandel an Motivation, Brauchfunktion, Verbindlichkeitsgrad der Teil-nahme wie Text- und Spieltreue der Darstellenden sind das Gesetz. Umso erfreu-licher, wenn man sich bemühen will, hier eine lange Wissenschaftstradition fortzu-setzen, indem man zu Rohr ein„, Dr. Hans Klein- Archiv zur Erforschung der Ober-uferer Spiele" am 18. November 1978 eröffnete, dabei den indessen verstorbenenHans Klein ehrt, der ,, Das Oberuferer Paradeisspiel in ursprünglicher Gestalt" zuKassel 1928 vorgelegt hatte. Aber was berechtigt auch hier zum Etikett ,, ursprüng-lich“? Im Juli 1978 hatte Studiendirektor i. R. Karl Eugen Fürst meinen Studentenam Institut für Deutsche und Vergleichende Volkskunde an der Universität Mün-chen einen höchst eindrucksvollen Vortrag mit Lichtbildern, mit Text- und Lied-rezitationen aus dem Gedächtnis gehalten, genau in der engen Anlehnung an das,was er, dem Schröer- Text folgend, mit gestochen klarer Handschrift im Licht-druck in den oben genannten beiden Heftchen vereint hat als sein Wissen um das vonihm seit 1926 Miterlebte. Damals war ja sein Vater schon Freund und Mithelfer desSpielleiters( ,, Lehrmeisters") Michael Wendelin zu Oberufer 1926. Immerhinhatte ja auch Vater Karl Fürst bereits 1910 dem Ungarischen Nationalmuseum
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