Jahrgang 
89 (1986) / N.S. 40
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René König, Menschheit auf dem Laufsteg. Die Mode im Zivilisationspro-zeẞ. Wien- München, Verlag Karl Hanser, 1985, 387 Seiten, 34 Abb.

Der Titel dieses Buches weist auf die Bedeutung des Wortes Mode hin, das in derdeutschen Sprache am meisten mit dem Wandel der Kleidung verbunden ist. RenéKönig gibt im folgenden Satz eine kurze Definition des von ihm erarbeiteten Begrif-fes Mode: ,, Wir unterscheiden also die sozialpsychologische Strukturform der Modeals ein gesellschaftliches Regelungssystem eigener Natur von ihren verschiedenenund ewig wandelbaren Inhalten. Sie kann alle Gebiete des Lebens erfassen unddurch den ihr eigenen schnellen Wandel verändern. Den Anlaß dazu gibt dieUmschichtung und Machtveränderung von sozialen Gruppen.

Unter diesem Gesichtspunkt sieht König schon Modebildung in primitiven Glossar ::: zum Glossareintrag  primitiven Kultu-ren, während Sombart Mode als des Kapitalismus liebstes Kind" definiert. Königzeigt es an historischen Beispielen der sozialpsychologischen Strukturen des Abend-landes Glossar ::: zum Glossareintrag landes wie an anderen Stammes- und Hochkulturen. Der mehr oder weniger schnelleWandel ist der Gradmesser für eine Mode. Er ergreift nicht nur Gegenstände destäglichen Lebens, sondern auch Verhaltensweisen der Individuen. Diese Änderun-gen werden nicht durch Steigerungen der vorhandenen Art, sondern im wesentli-chen durch neu aufkommende Ideen bewirkt. Sie können die Gegenstände oderLebensweisen ergreifen und in ihrer Grundstruktur verwandeln oder auch nur ineine andere neue Beziehung zur Gesellschaft, zur Masse, bringen. In dieser Doppel-deutigkeit liegt das Wesen des Modewandels begründet. Es drückt sich darin aus,daẞ ein Kleid durch die Mode verändert wird. Bei der Bezeichnung Mode- Bad oderMode- Schriftsteller wird mit Mode nur die Beziehung zur Gesellschaft oder Masseausgedrückt.

Die Mode, ganz allgemein gesehen, ist nicht chronologisch oder historisch zuerfassen, indem man von einer erarbeiteten Definition ausgeht, sondern nur aus denverschiedenen Verhaltens- und Lebensweisen zu erschließen. So hat R. König sie indieser Weise behandelt und die einzelnen Kapitel mit: Das Neue, die Neugier, Riva-lität und Wettbewerb, zeremonielles Verhalten und Etikette, die Nachahmung,Abhebung und Anerkennung, Schmuck und Auszeichnung usw. bezeichnet. Immerwieder wird dabei die Vielseitigkeit der Mode herausgearbeitet, die hierbei noch vonübersehbaren Gruppen getragen wird.

Am interessantesten sind die Kapitel, in denen er sich mit dem Erscheinen derMasse als Kulturträger auseinandersetzt und deren Einfluß auf die Umgestaltung derLebensformen, der Wirtschaft und der politischen Machtverhältnisse wiedergibt. Erbetont dabei, daß es nicht eine Mode gibt, sondern Moden, die von verschiede-nen gesellschaftlichen Schichten getragen werden. Dieser Prozeß beginnt im19. Jahrhundert.

Um die grundsätzlichen Beweise der sozialpsychologischen Strukturveränderun-gen in den verschiedenen Epochen darzustellen, zieht er hauptsächlich die Erschei-nungen des Wandels der Kleider- Mode heran, die schon seit dem 17. Jahrhundert inder deutschen Sprache mit diesem Wort bezeichnet wurde. Wohl zeigt sich der Wan-del am eindrucksvollsten an diesen Objekten des täglichen Lebens. Aber hierbeimuß man vorsichtig sein, da neben dem modischen sich auch ein stilistischer Wandelunter nicht sofort erkennbaren Voraussetzungen vollzieht. Er ist im allgemeinen erstspäter zu erkennen. Auch wird bei den angeführten Beispielen in dem Buch nichtzwischen Mode und Luxus unterschieden, der schnell und ohne sichtbare Begrün-

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