Jahrgang 
89 (1986) / N.S. 40
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Wir schließen uns den vielen Gratulanten mit ebenso herzlichen Glückwünschenfür eine weitere Reihe gesunder und schaffensreicher Jahre an.

Dietmar Assmann

Mircea Eliade

Der Tod des im achtzigsten Lebensjahr stehenden Religionswissenschaftlers undBelletristen Mircea Eliade trifft und betrifft primär die beiden genannten Bereiche;doch hieße es, die vielseitige Wirkung und Ausstrahlung dieses Wissenschaftlers undDichters zu gering einzuschätzen, wollte man nicht auch seine Bedeutung für dieVolkskunde erwähnen.

Die außerordentlich hohe Zahl seiner Studien und seiner erzählenden Prosa erlau-ben es nicht, auf alle Werke einzugehen. Es können hier nur einige wichtige Themenund Betrachtungsweisen angeschnitten werden. Innerhalb der Religionswissen-schaftlichen Forschungen von Eliade sind für uns vor allem auch die Kapitel Märty-rer, Reliquien, Wallfahrten( Kapitel 256) und Hexenjagd und die Wandlungen derVolksreligion"( Kapitel 306) in seiner Enzyklopädie Geschichte der religiösenIdeen"( bisher erschienen sind 3 Bände, Freiburg i. Br., 1978 ff.) wichtig, wie derAutor überhaupt Aspekten des Volksglaubens stets eine große Bedeutunggeschenkt hat. Wenn auch ein erheblicher Teil seiner Beobachtungen Phänomenenim Bereich von Naturreligionen gilt, so wird meist die Verbindung mit Erscheinun-gen im abendländischen Glossar ::: zum Glossareintrag  abendländischen Raum hergestellt, wobei verständlicherweise ein Akzentauf dem Brauchtum Glossar ::: zum Glossareintrag  Brauchtum von Eliades Heimat Rumänien liegt.

In größeren Abschnitten greift er jedoch auch gesamteuropäische Motive auf, wieetwa in ,, Einige Beobachtungen über das europäische Hexentum"( in Das Okkulteund die moderne Welt- Zeitströmungen in der Sicht der Religionsgeschichte",Salzburg 1978, S. 74-98), wobei sowohl das Überleben heidnischer Glossar ::: zum Glossareintrag  heidnischer Volksbräucheund Glaubensvorstellungen nach der Christianisierung aus verschiedenen Quellenheraus interpretiert wird, wie auch der Ansatz zu einer Synthese der zahlreichenErscheinungsformen angestrebt wird. Eliade übersieht dabei nicht den Kult derBenandanti in Italien und ähnliche stereotype Vorstellungen, er stellt die rumäni-schen ,, Strigoi" und die Truppe der Diana" dar, geht auf die Căluşari"- die hei-lenden Tänzer- ein und zeigt Das Verschmelzen der Gegensätze: Sântoaderi undZîne.

Ein zweiter großer Bereich, der das Interesse unserer Disziplin verdient, gilt derVolkserzählung und ihrer Funktion. Bereits 1943 ist in Bukarest Eliades Studie,, Comentarii la Legenda Meşterului Manole" erschienen, welche dem großen Kom-plex der Bauopfersage in ihrem Niederschlag in Ballade, Sage und Legende gilt.

Auf Meister Manole ist er auch im Buch Von Zalmoxis zu Dschingis- Khan( Köln1982) zurückgekommen, und das gleiche Werk enthält auch eine Untersuchung zumBalladenkomplex Miorița, das weissagende Lämmchen. Eliade gelingt es dabei,sich von einem bis dahin verbreiteten Klischee freizuhalten und Ergebnisse rumäni-scher Volkskundler ins Kulturphilosophische hinein zu übertragen. Wir zitieren dar-aus: ,, Mit anderen Worten, der Hirte verhält sich nicht wie zahlreiche berühmte Ver-treter des modernen Nihilismus. Seine Antwort ist anders: Er verwandelt das Un-glück, das ihn zum Tode verurteilt, in ein sakramentales, erhabenes und märchen-

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