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Literatur der Volkskunde
ÖZV XLVII/ 96
wie Backhaus- und Fleischbann die Versorgung der Bevölkerung, aber auchdes Grundherrn selbst. Wein hatte seinen Platz im religiösen Kultus wie imakademischen Brauchtum Glossar ::: zum Glossareintrag Brauchtum. Nicht nur als Meßwein diente er der Kirche. Inden Wein wurden Reliquien getaucht, damit sich deren Heilkraft auf dasGetränk übertrage. Als besonders wirksam wurde das Trinken aus derHirnschale von Heiligen gehalten. Noch bis zu Beginn des 19. Jahrhundertstranken Wallfahrer aus der Hirnschale des seligen Nantwein aus Wolfrats-hausen/ Bayern.
Nikolaus Grass ist all diesen Themen mit der ihm eigenen weitgespanntenQuellen- und Literaturkenntnis nachgegangen und kann so weitgespannteZusammenhänge aufzeigen. So wird auch dieses Buch, wie so viele andereArbeiten des Verfassers, für die künftige Forschung maßgebend bleiben.Nikolaus Grass kann 1993 seinen 80. Geburtstag feiern. Obwohl er einereiche wissenschaftliche Ernte bereits eingebracht hat, wäre zu wünschen,daß er die bereits vor Jahren angekündigte Arbeit über die Tiroler Bergknap-pen fertigstellen kann.Herbert Schempf
Helga Maria WOLF, Das BrauchBuch. Alte Bräuche, neue Bräuche,Antibräuche. Freiburg i.Br./Basel/Wien, Herder, 1992, 318 Seiten.
Glaubt man dem steirischen Volkskundler Hanns Koren, so hat die( Groß-)Stadt fast keine Bräuche. ,, Denn auf den Asphaltblöcken und Katzenköpfenwächst Brauchtum Glossar ::: zum Glossareintrag Brauchtum nicht."( Volksbrauch im Kirchenjahr. Ein Handbuch.Salzburg, Leipzig, Anton Pustet 1934, S. 18;[ fast unveränderte!] Neuauf-lage Innsbruck, Pinguin- Verlag 1986, S. 16.) Koren führt Brauch( tum) aufdie Bindung des Menschen an die Natur und den Lauf der Jahreszeitenzurück; Stadtbräuche früherer Jahrhunderte erklärt er damit, daß damalsnoch zahlreiche ,, Ackerbürger“ in den Städten wohnten. Dieser enge, ideo-logisch gefärbte Begriff stimmte schon zum Zeitpunkt nicht, da das genann-te Buch erstmals erschien.- Liegt es vielleicht an solchen Vorstellungen-die ja v.a. in der Brauchtumspflege Glossar ::: zum Glossareintrag Brauchtumspflege, aber auch in wissenschaftlicher Literaturverbreitet waren-, daß es im deutschen Sprachgebiet nur wenige Arbeitenüber Großstadtfrömmigkeit gibt?
Helga Maria Wolf hat im vollen Sinn des Wortes ein Gegen- Stück zuPublikationen von der Art des genannten Buches geschaffen. Sie stellt dar,wie kirchliche und weltliche Feste heute in der Großstadt Wien begangenwerden. Dafür stützt sie sich auf eigene Recherchen: Den größten Teil desMaterials lieferte eine Umfrage, die die Autorin 1990/91 im ORF- Lan-desstudio Wien, Abteilung Religion/ Volkskultur( seit 1988 von ihr geleitet),