Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde110 (2007) / N.S. 61Eisch-Angus, Katharina: Psychoanalyse und Semiotik im Sicherheits-Netz

  
Aufsatz in einer Zeitschrift 
Psychoanalyse und Semiotik im Sicherheits-Netz : eine ethnografische Verwirrung und methodische Verknüpfung
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Österreichische Zeitschrift für Volkskunde Band LXI/ 110, Wien 2007, 231-247

Psychoanalyse und Semiotik im Sicherheits- Netz:Eine ethnografische Verwirrung und methodischeVerknüpfung

Katharina Eisch- Angus

Die Geschichte ereignete sich am 15. September dieses Jahres( 2006)im Intercity zwischen Nürnberg und Stuttgart. Eine Kulturwissen-schaftlerin auf der Fahrt nach Tübingen zur Geburtstagsfeier einesakademischen Lehrers, lesend und exzerpierend auf dem engenKlappbord, beschließt im Speisewagen einen Kaffee trinken zu ge-hen. Ihr Buch nimmt sie mit. Weiter heißt es in ihrem Forschungs-tagebuch:

,, Den schwarzen Rucksack lasse ich unter dem Sitz, schaue kurzauf den jungen Kerl auf der gegenüberliegenden Seite eigentlichniemand, um ein Auge auf den Rucksack zu haben, wird schon nichtspassieren. Ich laufe durch ein paar Wägen zum Bistro, sitze dort vielgemütlicher an einem leeren Tisch, lese. Der Zug hält in Crailsheim,davor eine Durchsage[...]. Hoffentlich hängen die nicht den Wagenmit meinem Rucksack ab[...] Blödsinn. Und es steigen nur ganzwenige Leute zu, wird niemand Interesse an meinem Sitz haben.Trotzdem wird mir mulmig. Den Rucksack kann man mit einem Griffmitnehmen. Ich trinke aus, gehe zurück.

«

Nun kann die Reisende ihren Sitz erst beim zweiten Durchlaufendurch die Waggons wiederfinden, auf dem aber steht ein anderer,schwarzer Koffer, daneben sitzt ein junger Mann, schwarzhaarig mithellblauem Hemd. Zu seinen Füßen mein Rucksack, offen, der Kul-turbeutel oben drauf ,, Entschuldigung, das ist mein Rucksack. Ichbin hier gesessen. Die Reisende nimmt ihren Rucksack, der Mannaber reagiert nicht, gibt den Platz nicht zurück, so dass sie sich aufden Platz gegenüber setzt, neben den noch immer unbeteiligt lesendenBurschen. Der Zugestiegene redet etwas von einer Handynummer,reicht ihr über den Zugkorridor den Umschlag mit dem zerbrechli-chen Geburtstagsgruß, der besonders sorgfältig in der Tasche verstaut