Timo Heimerdinger, Verwickelt aber tragfahig
sich z. B. im Jahrgang 1993 der Eltern- Hefte( ab ca. 1970 ein Hort desbedürfnisorientiert- individuellen Erziehungsverständnisses 42) gegen-teilige Tendenzen. In der Oktober- Ausgabe bezieht Hans Grothe, Re-dakteur der Eltern- Zeitschrift für Erziehungsfragen, dezidiert gegeneine langjährige Tragepraxis im Liedloffschen Sinne Position, er be-dient sich dafür eines kulturvergleichenden Arguments:» Ist es, wennman einen emanzipierten Umgang mit den Kindern will, überhauptsinnvoll, sie so lange herumzuschleppen? Die Antwort ist ein klaresNein: Im Gegensatz zu den Indianerkindern Glossar ::: zum Glossareintrag Indianerkindern haben unsere Kinder nursehr wenige Bezugspersonen. Durch das ständige Herumtragen wirdder ohnehin schon so enge Kontakt zwischen Mutter und Kind nochweiter intensiviert. Die Abhängigkeit des Kindes von der Mutter( undder Mutter vom Kind) wird noch größer!«< 43 Da ist sie- wieder odernoch die Angst vor dem kindlichen Tyrannen. Grothe führt dannnoch ein weiteres, für die jüngere Elternschaftskultur symptomati-sches Argument an, nämlich den Leistungsgedanken im Kontext einesImperativs der» optimalen«< Förderung: 44» Tuch oder Sack ist kein Er-satz für das Babybett, für das Spiel auf dem Fußboden. Denn dort hatdas Kind vergleichsweise viel größere Freiheit zu eigenem Handeln.Und das bedeutet eine viel bessere Stimulierung von Geist, Sinnen undMuskeln, also viel höhere Anreize, sich optimal zu entwickeln.<< 45
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auch
Es finden sich allerdings auch noch etwas anders, intuitiv gelagerteVorbehalte gegen das Tragetuch in meinem empirischen Material. Daist etwa die Großmutter, die ihr Enkelkind lieber doch nichtnicht versuchsweise- einmal selbst ins Tragetuch nehmen möchte, soniedlich dies auch prinzipiell sei. Aus diesem Alter sei sie raus, das seiihr am Ende doch zu unsicher und irgendwie auch körperlich zu nah.Ich interpretiere: zu fremd und ungewohnt.46 Geschmacks-, Stil- und
türlichen Erwartung entsprechend versorgt- das Erfüllen von Grundbedürfnis-sen ist kein Verwöhnen.«( Zugriff: 29.6.2011)
42 Vgl. Gebhardt( wie Anm. 20), S. 181.
43
Hans Grothe: Kann man Babys verwöhnen? Man kann! In: Eltern 10, 1993, S.61-64, hier S. 62 f.
44 Vgl. Heimerdinger( wie Anm. 13), S. 18–19.
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46
Grothe( wie Anm. 43), S. 64.
Auch dieser empirische Einzelbefund wird von der interviewten Trageberaterinaus Wien gestützt: Demnach seien die derzeit» frischgebackenen«< Großmütteroft eher skeptisch gegenüber dem Tragen, sähen sie dieses doch implizit als eineKritik an der eigenen Fürsorgepraxis vor rund 30 Jahren, die aufs Tragen ver-
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