Library / Self-PublishedÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde22 (1916) / Zeitschrift für österreichische Volkskunde

  
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22 (1916) / Zeitschrift für österreichische Volkskunde
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Literatur der österreichischen Volkskunde.

Volkskundler von Interesse sein kann. Eingangs kennzeichnet der Verfasser den hypo-thetischen Stand der Dinge im Zeitalter des Vormenschen" in dem Abschnitt Vormedizin". Fernerhin bringt er uns unter der Überschrift Urmedizin" wichtigeNachrichten über die Heilkunde des Urmenschen". Unter anderem vernehmen wirda, daß die volksmedizinische Operation der Trepanation, auf die sehr gründlicheingegangen wird, sogar noch heutigentags in Europa bei den Südslawen inSerbien und Montenegro, bei dem Orte Redruth in der englischen ProvinzCornwall und begreiflicherweise vielfach auch in außereuropäischen Lokalisationenanzutreffen ist.( S. 51.) Wissenswertes erfahren wir auch von der Bedeutungeinzelner Körperteile für die Volksmedizin.( Kopf, Hand, Fuß etc.) So läßt manbeispielsweise bei den Siebenbürger Sachsen aufgeregte Irrsinnige ausTotenschädeln trinken. In der Oberpfalz herrscht der Glaube, daß ein alsBecher benütztes Schädeldach Epilepsie heile. In England werden gegenHunds wut aus Schädelknochen bereitete Pillen geschluckt.( S. 57, 58.) Ansolche und ähnliche Erscheinungen, die sicherlich mit dem Seelen- und Dämonenglaubenzusammenhängen, haben wir auch zu denken, wenn wir von der Verwendung toterKinderhände hören. In Steiermark werden damit Muttermäler vertrieben,in Tirol bei Diebstählen die Bewohner des betreffenden Hauses in tiefen Schlafversenkt, indem man das erwähnte Objekt als Diebskerze" verwendet.( S. 60, 61.)In dem Abschnitt Volks medizin" befaßt sich v. Hovorka sowohl mit derinneren Medizin als auch mit der Chirurgie. Wir hören da unter anderem,daß in Serbien und Montenegro Wundränder dadurch miteinander in Verbindunggebracht werden, daß man Ameisen sich darin verbeißen läßt. So wird eine primitive Glossary ::: show glossary-entry  primitiveNaht, Ameisennaht" genannt, ausgeführt. Dieses Verfahren begegnet uns auch beimanchen Indianerstämmen Glossary ::: show glossary-entry  Indianerstämmen Brasiliens. Vielfach treten in Mitteleuropaalte Weiber Glossary ::: show glossary-entry  Weiber als Spezialistinnen für das Schröpfen auf, während in der Türkeidieses Gewerbe Sulukči" genannten Männern anvertraut ist. Für den starrenVerband bei Knochenbrüchen benützt man in Dalmatien Eiweiß mit Hanfoder die stärkehältige Schwarzwurz, in Böhmen Aalhaut, in Steiermark Terpentinöloder Leder, bei den Huzulen Baumrinde, bei den Slowaken Dachschindeln, beiden Magyaren Maisstengel. Zum Vergleiche führt der Verfasser ähnliche Vorkommnissebei außereuropäischen Völkern an.( S. 187.) In dem Kapitel Zaubermedizin" wirdin systematischer Weise erst der Ursachen des Zaubers( Gespenster, Gestirne,böser Blick und dergleichen) und dann der Mittel dagegen gedacht. Bei denZauberhandlungen( Sympathiemitteln) wird wohl ganz richtig erwähnt,daß das Durchziehen" und das Durchkriechen" auf das Abstreifen derSchmarotzer zurückzuführen sei. In Mödling bei Wien wird, nach v. Hovorka,noch heutigentags das Matterhörndl" zum Durchkriechen" benützt.( S. 253.)Das Verpflanzen von Krankheiten komme, meint der Autor, sogar noch in Wienselbst vor, indem man den Schnupfen durch Berühren der Türklinken mit einemfeuchten Finger loswerden wolle.( S. 255, 256.) Die Bullen" des alten Rom, die,gefüllt mit zauberwirkenden Gegenständen( Phallus und dergleichen mehr), von Kindernum den Hals hängend getragen wurden, haben sich, besonders in Italien, wenn auchin veränderter Form, noch erhalten. Hieher gehört die borsetta" genannte Vor-richtung, die man bei Kindern in Neapel antrifft, und das Agnus Dei derrömisch- katholischen Kirche, welches Reliquienreste enthält.( S. 290)... Der restlicheTeil des Buches, der der Berufsmedizin und ihrer historischen Entwicklung gewidmet ist,kommt für den Volkskundler kaum in Betracht. Aus den vorhergehenden Kapiteln jedochwird er vielfach wertvolle Belehrung und Anregung schöpfen. Das gleiche gilt für dasLiteraturverzeichnis, welches den Schluß des so lesenswerten Werkes bildet.

Dr. Rudolf Trebitsch.